KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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Foto: Künstlersekretariat Schoerke
Foto: Künstlersekretariat Schoerke

KLASSIK

Ausnahmepianist: Kit Armstrong

im Kammermusiksaal

Es sind schon zwei ziemlich unterschiedliche Typen, die Thomas Dausgaard und das Swedish Chamber Orchestra zu Beginn ihres Gastspiels im Kammermusiksaal präsentieren: Da ist zum einen der Cine-Fantast Tim Burton, den der schwedische Komponist Albert Schnelzer in seiner Ouvertüre „A freak in Burbank“ portraitiert haben will: In einer umtriebigen filmmusikalischen Partitur, die eher zum Assoziieren von Bildern als zum Verfolgen von Formverläufen einlädt und dem Orchester die Möglichkeit gibt, sich effektvoll warmzuspielen. Und dann ist da der 18-jährige Kit Armstrong, den Alfred Brendel schon vor Jahren als die „größte musikalische Begabung“ bezeichnete, der er in seinem ganzen Leben begegnet sei und dessen Karriere viele als gescheitert ansehen würden, wenn sie ihn nicht in den Olymp der unvergesslichen Pianisten katapultiert.

In Beethovens erstem Klavierkonzert verbindet Armstrong eine vollkommen mühelose Fingerfertigkeit mit einem glasklaren Blick für Architektur, die er äußerst ökonomisch gesetzten Akzenten und Klangfärbungen herausarbeitet. Seiner Kantilene scheint bei aller Klarheit, Schönheit und Uneitelkeit bisweilen noch Körperlichkeit und Sinnlichkeit zu fehlen, die den Streicherklang des Swedish Chamber Orchestras auszeichnet. Umso berührender sind die Momente, in denen es zu einem Gedankenaustausch kommt, er sich dem runden Pizzicato des Partners anschmiegt oder es imitiert. Es hätte wohl zu noch mehr solcher Momente kommen können, wenn das transparent und aufmerksam begleitende Orchester (und hier insbesondere die Holzbläser) noch präziser auf den Solisten reagiert hätte. Zum emotionalen Höhepunkt des Abends wird jedoch Brahms’ erste Sinfonie: Mit einem durchsichtigen, vibratoarmen Klangbild, das von historisch informiert gespieltem Beethoven inspiriert zu sein scheint und einem feurigen Dirigat, das Brahms symphonischen Erstling mit Nachbeben Schumannscher Fantastik erschüttert. Carsten Niemann

KUNST

Andeutungszauber: Gewänder

des Nô-Theaters

Sein Ideal – das sei das Nô-Theater und die Ästhetik Japans, hat Robert Wilson bekannt. Die kleine Ausstellung mit Gewändern und einigen Masken dieser zeremoniellen Bühnenkunst dürfte ihren Freundeskreis noch mehr erweitern. Vor allem die glänzenden, reich motivverzierten Stoffe schlagen den Besucher des Museums für Asiatische Kunst in ihren Bann (Dahlem, Lansstraße 8, bis 1.5., Di-Fr 10-18, Sa u. So 11-18 Uhr, Katalog 6,50 Euro).

Von der opulenten Nô-Sammlung des ersten „Ostasien“-Direktors Otto Kümmel sind nach dem Krieg nur 10 Masken geblieben – etwa das Gesicht eines rot angelaufenen Betrunkenen, das in der Ausstellung zu sehen ist. Der Rest wird in den Magazinen der Petersburger Eremitage vermutet. Die ausgestellten Gewänder sind Leihgaben aus Kyoto. Flach in Vitrinen präsentiert, geben die vielen Lagen der Kostüme eine Ahnung davon, wie viele Kilo Stoff die Darsteller – traditionell nur Männer und Jungen – über die Bühne schleppen. Aufführungsfotos zeigen, wie die Gewänder ihre Träger in menschliche Skulpturen verwandeln. Die eigentlichen Körperformen werden auf oft fantastische Weise umspielt.

Das gilt vor allem für die furchterregenden Kostüme der Dämonen und wilden Gottheiten. Ein solches „atsuita“ aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prunkt mit stilisierten Wolken, Blüten und Pflanzenranken. Man bekommt einen Eindruck davon, dass das Nô-Theater keine eigentliche Handlung zeigt, sondern von Andeutungen lebt. In der Art einen Seidenfächer zu senken, kann eine ganze Geschichte verborgen sein. Jens Hinrichsen

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