KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Annabelle Seubert

KUNST

Diese Emils: Eine Ausstellung vergleicht Nolde und Schumacher

Der Sog hat sie zurückgezogen, gestärkt und aufgebäumt. Jetzt zeigt sich die Welle, mächtig, tiefblau, schäumend. Gänzlich lautlos. Emil Nolde hat das Meer in dem Moment auf die Leinwand gebannt, in dem es eigentlich am lautesten tosen müsste. Sein stummer Ozean ist Vorlage für alles Rauschen und Lärmen, das sich im Kopf des Publikums zusammenbraut. Ein Naturschauspiel, das einen großen Maler und fantasiebegabte Betrachter in den Hauptrollen verlangt.

Mit weniger Poesie, aber nicht weniger Ästhetik hat sich Emil Schumacher daran gemacht, Wasser zu Papier zu bringen. Sein Werk ist groß, wild, abstrakt. Trotzdem: Wenn die zwei Bilder nebeneinander hängen, die Grün- und Goldtöne hervortreten, die sich auf die Gemälde geschlichen haben, ist eine Ähnlichkeit nicht zu übersehen. Der Ausstellungstitel „Nolde/Schumacher. Verwandte Seelen“ mag vielleicht ein wenig hoch gegriffen sein – doch in jedem Fall teilten die Expressionisten mehr als denselben Vornamen. (Nolde Stiftung Berlin, Jägerstr. 55, bis 19. Juni, täglich 10 - 19 Uhr).

Küsten, Gletscher und Wolken inspirierten beide genauso wie Groteskes, Fantastisches und Merkwürdiges. Nolde widmete sich seltsamen Menschen mit zu dünnen Beinen und hängenden Schultern, Schumacher düsteren Schattenwesen. Den einen führten Reisen nach Moskau und Korea, den anderen nach New York und Ibiza. Künstler, Weltbürger, Träumer: Wären sie sich je begegnet – sie hätten sich so manches zu erzählen gehabt. Annabelle Seubert

KUNST

Surreal: Christiane Kowalewsky

im Gotischen Haus

Comichafte kindliche Figuren mit überdimensional großen, ordentlich frisierten Köpfen, die den Betrachter frontal fixieren, dominieren die Bildwelt von Christiane Kowalewsky. Die mit dunkler Linie eingefassten Elemente erinnern in ihrer Naivität an nostalgische Bilderbücher. Scheinbar unzusammenhängend bedecken Gegenstände und Schriftzüge den mal gelben, blauen, grauen Grund.

Den Kosmos der Berliner Malerin, die bei Heinz Trökes studierte, bevölkert ein wahllos scheinendes Miteinander: Zwei Mädchen mit Schleife im Haar stehen in einer Fantasielandschaft mit Kilimandscharo und Meer, umringt von Kuchen, rosa Kaninchen, Mickey Mouse – ein Wirrwarr aus Requisiten der Kindheit.

Trotz dieser Fülle interagieren die Protagonisten nicht – oder vielleicht gerade deshalb. Die vielfigurige Szene erinnert an eine chaotische Spielwiese, die jedoch säuberlich inszeniert ist. Der zweite Blick enthüllt sie als Bühne für Sozialkritik. Dem leblosen Jungen im Vordergrund könnte das Mädchen mit der Schippe im nächsten Moment sein Grab schaufeln. Die Schriftzüge im Bild unterstützen diese Annahme: Konventionen ordnen die Welt nach außen; darunter aber brodelte es in der Gesellschaft. Christiane Kowalewsky kommentiert dies ironisch. Sie bettet Blut, Tod, Lieblosigkeit und Einsamkeit in surrealistisch verspielte Umgebungen. „Beinahe wahr“ lautet der Titel ihrer Ausstellung im Gotischen Haus (Breite Str. 32, bis 9. April; Mo - Sa 10 - 18 Uhr). Die naive Formensprache eröffnet Einblicke in die „wahren“ Vorstellungen der Menschen. Paulina Czienskowski

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