KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Annabelle Seubert

KUNST

Wahre Lügen: Mohamad-Said Baalbaki im Georg-Kolbe-Museum

Es ist egal, dass dem einen der Arm fehlt. Dafür hat der andere zwei. Und der nächste besitzt Flügel. In ihrer Dreierkonstellation scheint diese Geschöpfe nicht zu stören, dass sie fehlbar sind. Dass ihre Körper kaum zu ihren Köpfen passen. Halb Mensch, halb Tier, recken sie stolz die Hälse, neigen die Blicke Richtung Himmel und stehen so rum. Kunst halt. Genau genommen handelt es sich bei der Skulpturengruppe, ansehnlich in einer Kunstkammer-Vitrine des Georg-Kolbe-Museums behaust, allerdings um eine Fälschung (Sensburger Allee 25, bis 1. Mai, Di.–So. 10–18 Uhr). Oder wie sonst sollte man erklären, dass sich der libanesische Künstler Mohamad-Said Baalbaki für die Ausstellung „Al-Burak II: Chimerical Kingdoms“ Geschichten zu seinen Arbeiten ausdenkt? Was er auf Erklärungsschildern neben Bildern und Fundstücken zum Besten gibt, hört sich zwar richtig an, ist aber erfunden.

Der Fall der Fabelwesen geht so: Sir William Barington hat um 1920 drei Plastiken für das Londoner Naturkundemuseum angefertigt, die auf der historischen Darstellung des Buraq basieren. Das ist a) langweilig, b) eine Lüge und c) verwirrend, weil die Lüge auf einer Legende beruht und damit nur zu 99 Prozent eine Lüge ist. Möglicherweise glaubt ja jemand der islamischen Überlieferung, Prophet Mohammed sei auf einem Buraq – der Kreatur mit Hufen und Händen – geritten. Jetzt, wo schon fast alles unklar ist, noch Folgendes: Die Fragen, die sich der Betrachter stellt (Was passiert, wenn Glaskästen über Figuren gestülpt werden? Wird Kunst gemacht? Ist Kunst nur Kunst, weil sie als Kunst verkauft wird?), die sind echt. Annabelle Seubert

KUNST

Wilde Pinsel: Bernd Zimmer

in der Berlinischen Galerie

Im Jahr 1978 hat Bernd Zimmer drei Tage lang Zeit, ein Gemälde an die Wand des legendären SO 36 zu werfen. Er steht da mit seinen Cowboystiefeln und dem schwarzen Bart. Den dicken Pinsel tunkt er in große Farbeimer, er arbeitet wie ein Wilder. Ist ja auch einer. Einer der jungen Wilden der Kreuzberger Kunstszene, zusammen mit Rainer Fetting, Salomé und Helmut Middendorf eröffnet Zimmer damals die selbstorganisierte „Galerie am Moritzplatz“. Die Wand im SO 36 ist 28 Meter lang und 3 Meter hoch. Und deshalb wird auch das Bild so groß. Zu sehen ist es für eine Nacht, die Neonröhren scheinen darauf, der laute Punk hallt in der Malerei wider. Es heißt „1/10 Sekunden vor der Warschauer Brücke“ und zeigt die vorbeirauschende U-Bahn auf den Hochgleisen. Der Betrachter schaut von unten durch die Bogen der Stahlkonstruktion. Das Knallrot kreischt, das Hellblau quietscht.

Zimmer, geboren 1948 in der Nähe von München, malte mit dem Selbstbewusstsein eines Leinwanderoberers, zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Ein Glück ist es für die Berlinische Galerie, die über keinerlei Ankaufsetat verfügt, dass ein anonymer Schenker das monumentale Frühwerk nun dem Haus vermacht hat. Bisher gab es nur ein Bild des Künstlers in der Sammlung. Dabei gehört die „heftige Malerei“, wie sie Zimmer und die anderen betrieben, zur Berliner Kunstgeschichte. Am Dienstagabend fand die feierliche Übergabe des Gemäldes statt, zu sehen ist es mit skizzenhaften Beigaben des Künstlers für einige Wochen. Dann verschwindet es wieder zusammengerollt im Depot (Alte Jakobstr. 124–128, bis 11. April., täglich außer Di. 10–18 Uhr). Anna Pataczek

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