KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Feingeistig: Thibaudet, Janowski

und das RSB in der Philharmonie

Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin haben den Zenit ihrer Zusammenarbeit erreicht. Achteinhalb Jahre formt der Dirigent das Ensemble nun schon nach seinem Willen – und die Musiker wissen im Schlaf, was der Chef von ihnen verlangt. Absolute Präzision zum Beispiel. Und volle Konzentration auf die musikalische Struktur.

Durch harte Probenarbeit hat das RSB unter Janowski ein erstklassiges Niveau erreicht. Vor allem der Streicherklang ist wirklich exquisit, dicht und leicht zugleich, die Tonproduktion von vollkommener Ebenmäßigkeit. In der ausverkauften Philharmonie wird Felix Mendelssohns Tondichtung über die wildromantischen „Hebriden“ so vom farbsatten Ölbild zum zarten Aquarell, mit hochkultiviert gebändigten Naturkräften.

Auch in Edvard Griegs A-Moll-Klavierkonzert enthält sich Marek Janowski aller überschäumender Emotionen – in vollem Einverständnis mit seinem Solisten. Jean-Yves Thibaudet ist kein Prankenpianist. Der 50-jährige Franzose beeindruckt nicht durch schwitzende Virtuosität, sondern durch eine stupende Fingerfertigkeit, dank der selbst schwierigste Tonkaskaden wie improvisiert wirken. Klar im Rhythmischen, edel im Klang (sublim das Flöten-Thema im Finale!), begegnet das Orchester Thibaudet auf Augenhöhe, taucht das Werk in geradezu mendelssohnsche Eleganz.

Wohin die Reise interpretatorisch gehen soll, bleibt in Brahms’ vierter Sinfonie dagegen bis zur Mitte des zweiten Satzes unklar. Dann aber löst sich Janowski von seinem zunächst sehr abstrakten Zugriff, lässt das Andante beseelt aussingen, gibt sich immer mehr dem Sog des Melodischen hin, einem vitalen, kraftvoll vorandrängenden Musizieren, das bis in die Schlusstakte beständig an Dringlichkeit gewinnt. Jubel. Frederik Hanssen

KUNST

Anpassungsfähig: Lackkunst aus Russland im Bröhan Museum

Zwei Soldaten kauern unter einem Baum, das Gewehr im Anschlag, die Gasmasken vorm Gesicht. Die Miniatur auf einem Kästchen aus Papiermaché gehört zu den ungewöhnlichsten Beispielen für die Anpassungsfähigkeit der einstigen Ikonenmaler aus dem russischen Palech an den historischen Wandel. Als mit der Oktoberrevolution 1917 die sakrale Kunst ihre Existenzgrundlage verliert, regt der Maler Iwan Golikow seine Kollegen an, auf Lackkunst umzustellen.

Die Produkte aus der Palecher Schule sind jetzt im Bröhan Museum zu sehen (bis 1. Mai, Schloßstr. 1a, Di-So, 10-18 Uhr). Mühsam eignen sich die Maler die Technik an, Behältnisse aus Papiermaché herzustellen und die schwarze Lackschicht als Untergrund aufzutragen. Die Goldornamente übernehmen sie aus der Ikonenmalerei, die Motive aber spiegeln ihre Gegenwart. Ländliche Szenen demonstrieren den Zusammenprall der Zeiten. Ein motorgetriebener Mähdrescher erntet das Korn, daneben pflügen die Bauern mit ihren Pferden die Felder.

Mitunter schwelgen die Maler noch in ihrer gewohnten Pracht. Dann überlagert sozialistische Propaganda die Nostalgie, schließlich beherrscht der Zweite Weltkrieg die Lackkunst. Schade, dass einige Objekte in den dunklen Vitrinen kaum zu erkennen sind. Gerade die düsteren Szenen aus dem Krieg verschwinden im Halbschatten. Simone Reber

NEUE MUSIK

Wechselhaft: Das Solistenensemble Kaleidoskop im Radialsystem

Versuchen wir die hobby-philosophische Frage, ob sich das Konzertpublikum nun für die Neue Musik öffnen muss oder die Neue Musik doch eher für das Konzertpublikum, einmal so zu beantworten: Wenn man beiden Seiten den Spiegel vorhält, gilt auch hier: Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Annäherung. So jedenfalls das Kalkül des Solistenensembles Kaleidoskop, das mit „1.2.2.4.4 Eine Metapraxis“ unter der Regie von Alexander Charim jetzt im Radialsystem am Ostbahnhof musiksoziologische Selbstbetrachtungen betreibt.

Ein von Franz Kafka hinterlassenes Fragment, in dem ein Rabe die Konventionen einer gutbürgerlichen Teegesellschaft langsam durcheinanderwirbelt, soll hier auf Musik übertragen werden. Was passiert, wenn tradierte Konzertrituale durchbrochen werden, wenn die Musiker nicht auf einer Bühne sitzen, sondern im Saal verteilt, wenn sich ständig die Plätze, Formationen und Darstellungsarten verändern?

Nun sind aufstehende Instrumentalisten ein alter Hut – wir kennen das seit Haydns Abschiedssymphonie. Und dennoch: Dieser szenischen Reihung unterschiedlicher Gegenwartskompositionen, ergänzt durch Werke der Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel, gelingt es eindrucksvoll, die Musik als das zu zeigen, was sie (auch) ist: ein Bedienen von kognitiven Erwartungen bei den Ausführenden wie beim Publikum. Während wir bei Bach zuhören und Tee trinken wollen, sind wir bei Jani Christou und Francisco Guerrero vermutlich verstört, denken ans Schreien, Krachmachen, Ausbrechen. Es erleichtert den Zugang zu dieser radikal-fragmentarischen Lautmalerei, wenn das mal jemand tut. Und wenn Wilhelm Friedemann Bachs Sinfonie F-Dur im Kontrast dazu so glänzend durchdacht, so existenziell aufgeladen gespielt wird wie vom Ensemble Kaleidoskop an diesem Abend, dann wird der Tee wahrscheinlich sowieso kalt. Daniel Wixforth

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