KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Jochen Overbeck

ROCK

Hall und Herzschmerz:

Glasvegas im Magnet

James Allan mag hohe Erwartungen. Dass seine Band Glasvegas vor drei Jahren von der britischen Presse mit dem üblichen Eifer zum next big thing ausgerufen wurde, zu der Gruppe, die Rock ’n’ Roll jetzt verdammt noch mal zu retten habe, damit hatte er nie ein Problem. Eher schien es ihm zu gefallen.

Auch wenn das Berliner Magnet keine große Bühne sein mag: Das Spiel mit der Ikonografie des Rock ’n’ Roll genießt Allan nach wie vor. Es sind nicht viele Requisiten, die er benötigt, um seine Band zu inszenieren. Ein weißes T-Shirt. Eine schwarze Sonnenbrille, die ihn optisch direkt neben Andrew Eldritch von den Gruft-Ikonen Sisters Of Mercy rückt. Kühles Licht, Stroboskop-Blitze, ein bisschen Nebel. Ein beleuchtetes Mikrofonkabel. Eine Drummerin, die neu ist und in erster Linie deshalb rekrutiert wurde, weil sie aus Schweden kommt.

Schwieriger scheint es, diesen Entwurf mit Inhalt zu füllen. Allan hat eine Stimme, der man gerne zuhört. Und Songs kann er auch schreiben, wie das dieser Tage erscheinende zweite Album „Euphoric Heartbreak“ noch einmal eindringlich zeigt. Doch in dem mit einer guten Stunde recht knapp bemessenen Konzert schrubben sich die Schotten mit ruppiger Distanz durch ihren Katalog und schaffen so eine Gleichförmigkeit, die zu Längen führt. Auf Kommunikation mit dem Publikum verzichtet die Band. Ein gemurmeltes „Fuckers“ vor dem Hit „Daddy’s Gone“, ein bisschen Händeschütteln danach – das war’s. Der Höhepunkt ist eine Fremdkomposition: Den Phil-Spector-Hit „Be My Baby“ schleppt die Band mit viel Hall, Feedback und Würde in die Gegenwart. Jochen Overbeck

KLASSIK

Dialekt und Dialog: Orchester- Akademie der Philharmoniker

30 Musiker aus 16 Nationen mit zwölf Muttersprachen fanden sich beim Workshop der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker zusammen. Bei den Proben sprach man Deutsch und Englisch – doch bei der Präsentation des Programms aus Werken österreichischer Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts, das man unter der Leitung der Barockgeigerin Petra Müllejans und des Cembalisten Torsten Johann in fünf Tagen einstudiert hatte, waren noch weit mehr Idiome zu beherrschen: Im Concerto „Propitia Sydera“ von Georg Muffat müssen die Musiker nach der französischen Einleitung blitzschnell zum italienischen Stil Corellis umschalten, in einer Serenade von Johann Schmelzer einen spanischen Canario zu Ehren der Kaiserin auf das Parkett des Kammermusiksaals legen oder in Heinrich Ignaz Franz von Bibers Battaglia derb wie deutsche Landsknechte fluchen. Dass Dialekte hörbar blieben, lag in der Natur der Aufgabenstellung. Während etwa der aus den Niederlanden stammende Geiger Marc Daniel van Biemen unmittelbar aus der starken Alte-Musik-Tradition seines Heimatlandes zu schöpfen scheint und mit sehr differenzierten Farbwirkungen begeistert, scheint der nicht minder bemerkenswerte Cellist Uladzimir Sinkevich etwas stärker an dem singenden Ton der russischen Schule festzuhalten – und das mit Recht: Er baut eine wichtige Brücke zu den Bläsern, deren Instrumente es gar nicht erlauben, sich so differenziert wie die Streicher dem historischen Klangideal anzupassen. Dass bei den Zuhörern nicht der Eindruck eines babylonischen Sprachgewirrs, sondern der eines äußerst motivierten, logischen und harmonischen Crossovers entstand, war weit mehr, als man hätte erwarten dürfen. Carsten Niemann

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