KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Mystisch: Der Rias-Kammerchor

im Kammermusiksaal

Ist Angst vor zeitgenössischer oder vor traditionsverbundener Musik der Grund, dass der Kammermusiksaal beim Konzert des Rias-Kammerchors mit dem lettischen Dirigenten Sigvards Klava nicht bis zum Rand gefüllt ist? In jedem Fall ist die Angst unbegründet, denn das Programm bietet eine Reihe überzeugender Lösungen für das Problem, geistliche Texte und traditionelle Kompositionsmethoden in die Gegenwart zu transferieren. Dass intelligent gesetzte Details in einer harmonischen Umgebung dabei stärker wirken können, als der Versuch, eine völlig neue kompositorische Sprache zu erfinden, zeigt sich schon bei Arvo Pärt. In „Which was the Son of ...“, der Vertonung einer genealogischen Aufzählung der Bibel, überrascht ein mit kindlicher Sprachlust gerolltes „r“ beim doppeldeutigen Namen „Er“; in „Triodion“ reißt dagegen ein betont asynchrones Schluss-S die Hörer aus dem Konsum der Litanei.

Eine böse Pointe setzt das „Ave Maria III“ des 1964 geborenen Rihards Duba, bei dem sich über einem Gebet routinierter Nonnen immer schönere Kantilenen zu entfalten scheinen – um im Amen jäh zu verröcheln. Ohne derart offensive Brüche überzeugt das „Konzert für Chor“, das Alfred Schnittke, 1984 als Akt des halblauten Widerstands gegen das sowjetische Regime auf Texte des mittelalterlichen Mystikers Grigor Narekatsi schrieb. Klava und der Rias-Kammerchor zeigen mit einer konzentrierten Lesart voll mystischer, aber nicht gefühliger Intensität und stählernen, aber nicht brutalen Fortissimo-Einsätzen sowie mit viel Sinn für die musikdramatischen Qualitäten Schnittkes, warum diese Partitur auch unabhängig von ihrem ursprünglichen Kontext Bestand hat. Carsten Niemann

KLASSIK

Majestätisch: New Yorker Pianistin

Simone Dinnerstein in Berlin

Der Geiger Stephan Mai soll nach gemeinsamen CD-Aufnahmen zu Simone Dinnerstein gesagt haben, mit ihr Bach zu spielen sei so, als ob man mit Schumanns Tochter Bach spiele. Das ist, wenn man ehrlich ist, nur ein halbes Kompliment. Man könnte anfügen, dass Bach doch immer dann die größte Strahlkraft entfaltet, wenn man ihn schlicht Bach sein lässt. Rückwärtsgedachte Romantisierung braucht es dazu nicht.

Da die New Yorker Pianistin Dinnerstein 2007 aber mit den Goldberg-Variationen ihren vor allem in den USA gefeierten Durchbruch schaffte und jetzt mit einem Bach-Schumann-Schubert-Programm in den Kammermusiksaal der Philharmonie gekommen ist, lohnen sich hier nähere Betrachtungen. Dem Bach-Schwerpunkt stellt sie Schumanns Fantasiestücke Op. 12 voran – gerade so, als sollten die imaginären Familienwurzeln aufgezeigt werden. Nach schwebender Ruhe zu Beginn und viel Maestoso überzeugt die Amerikanerin mit ihrem (durchaus Bach’schen) Willen zur Transparenz. So wie hier im zweiten Stück, ist es am Schluss auch bei Schuberts 4 Impromptus faszinierend, wie Dinnerstein kleine motivische Bausteine groß leuchten lässt, ohne die Begleitung zur Beiläufigkeit zu verurteilen. Und auch bei Bach ist sie dort am stärksten, wo die Musik Zwischenräume lässt. Das ist in der Allemande der Englischen Suite Nr. 3 der Fall, mehr noch in Myra Hess’ Bearbeitung des Choralpräludiums „Jesus bleibet meine Freude“.

Der polyphone, scheinbar mechanische Bach aber ist eine andere Sache. „Schumanns Tochter“ wirkt hier merkwürdig uninspiriert. Daniel Wixforth

KUNST

Mythos statt Mojitos: Bilder

aus Chile und Peru in der ifa-Galerie

Lateinamerika, das ist doch Tango, Mojito, Bikini! Für bibbernde Berliner zumindest. Die, die mal da gewesen sind, sehen das anders. Gilda Mantilla und Raimond Chaves zum Beispiel. Das peruanisch-kolumbianische Paar hat seine Reise durch Argentinien und Brasilien ein zweites Mal auf Zeichnungen durchlebt. Alles, was die beiden gesehen und nicht wieder vergessen haben, hielten sie mit tausenden kleinen Bleistiftstrichen fest: endlose Städte, steile Schluchten – und ein Paar knallrote High Heels.

Fremdheit, Identität und Herkunft sind die großen Themen der Ausstellung „Cut & Mix“, die Arbeiten von Künstlern aus Santiago de Chile und Lima in die ifa-Galerie befördert. (Linienstr. 139/140, bis 17. 4., Di -–So 14 – 19 Uhr). Klingt schwerfällig? Das Einzige, das hier schwer fällt, ist vielleicht die Aussprache der Namen. José Carlos Martinat und Enrique Mayorga! Wer so heißt, muss ja toll sein. Oder kühne Kunst produzieren. Legenden mit moderner Technik zu koppeln scheint für die Peruaner ein Leichtes zu sein. Diese Hecke, die jemand in Form des Inka-Königskopfes geschnitten hat, mussten sie natürlich fotografieren. Über das Foto aber noch drei Automaten zu montieren, die Quittungen ausspucken, das ist schräg. Annabelle Seubert

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