KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Schöner Lärm: Die Junge Deutsche Philharmonie mit Andrey Boreyko

Die barfüßige Geigerin Patricia Kopatchinskaja präsentiert sich wie ein Bündel voller Musik. Es ist ihre Körpersprache, die von den Ursprüngen menschlicher Spiele fern unserer Zivilisation zu erzählen scheint, wo alle Darstellungskünste noch zusammenwohnen. Musik ist Aufforderung zum Tanz, zum Sprung. Aber sie leuchtet auch träumerisch zart, wenn Kopatchinskaja mit dem Thema des ersten Violinkonzerts von Prokofjew einsetzt, hohe Register, Kammermusik. Es ist ein Wunder der Musikgeschichte, dass dieses Konzert 1916/17 etwa gleichzeitig mit der „Sinfonie classique“ auf die barbarische „Skythische Suite“ des Komponisten antwortet. Die naturhafte Interpretation der Geigerin hat alles: Wildheit und Naivität, List, Witz, den Takt dazu im nackten Fuß, die Ganzheit der Musik. Und viel Zurückhaltung, flüsternde Figuration im Zusammenspiel mit dem hingebungsvoll begleitenden Orchester.

Die Junge Deutsche Philharmonie ist ein Kollektiv, das nach dem Rotationsprinzip arbeitet. Naturgemäß hat es keinen Eigenklang wie gewachsene Sinfonieorchester. Aber seine Mitglieder reagieren mit gespannter Aufmerksamkeit. Und der hohe technische Standard trägt in der Philharmonie die Handschrift des Dirigenten Andrey Boreyko, der in Bartóks Suite „Der wunderbare Mandarin“ die Schönheit kontrollierten Lärms entfaltet. Individualität erwächst aus den Soli: die Flöte, die Trompete, die Violine. Daher bietet sich Strawinskys „Chant du rossignol“ an, weil hier die Soloinstrumente dominieren. Die virtuose Orchesterbehandlung realisieren die Musiker mit hellem Klang und Elan.Sybill Mahlke

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Uno, Duo, Trio: Die Eröffnung des Deutschen Musikwettberwerbs

Martin Maria Krüger bringt es auf den Punkt. Das Besondere, so der Präsident des Deutschen Musikrats beim Eröffnungskonzert des Deutschen Musikwettbewerbs 2011, sei der Umstand, dass alle Künstler an diesem Kammermusikabend aus der eigenen Kaderschmiede stammen, man sie sich normalerweise aber nicht hätte leisten können. Sieben Preisträger aus den letzten 30 Jahren sind in den kleinen Saal des Konzerthauses gekommen, alle auf den großen nationalen, manche auf internationalen Bühnen zuhause, und alle verzichten auf ihre Gagen. Das ist tolle Werbung für den bis zum 25. März andauernden Wettbewerb, der in 12 Kategorien täglich ab 10 Uhr in der Universität der Künste ausgetragen wird (www.musikrat.de/dmw).

Leider aber hat hier fast keiner Zeit, mit den kammermusikalischen Partnern warm zu werden. Der Cellist Alban Gerhardt ist zwischen zwei Konzerten in Taipeh und Toledo vorbei gekommen, spielt Prokofjews Sonate C-Dur mit Gespür für die Zerrüttetheit der Musik. Intimität mit Klavierpartner Thomas Hoppe aber kommt nicht auf. Das gilt auch für Latica Honda-Rosenberg, die Ravels Konzertrhapsodie „Tzigane“ zur kratzbürstigen Ausdrucksschleuder macht oder Nils Mönkemyer, der Brahms’ f-Moll Sonate für Bratsche und Klavier mit viel Wissen um das Wesentliche spielt. Thomas Hoppe am Flügel aber ist mehr teilnehmender Beobachter als teilhabender Gestalter. Das ändert sich, als er mit der Sopranistin Ruth Ziesak und der Klangmalerin Marie Luise Neunecker am Horn Partnerinnen bekommt, die zuhören und Schuberts Trio „Auf dem Strom“ so zur lyrischen Dreier-Konversation machen.

Wie gut es sein kann, wenn man sein Gegenüber seit Jahren kennt, zeigt abschließend ein Piano-Duo. Fantastisch, wie Andreas Grau und Götz Schumacher sich in Ravels „La Valse. Poéme Choréographique“ anziehen und abstoßen, wie sich die Walzer-Stereotypen des Einen in den Begleitnetzen des Anderen verfangen. Daniel Wixforth

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