KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Innige Stille: Ray Chen

im Kammermusiksaal

Er ist schlank, jung, und sein schwarzes Haar fällt tief in die Stirn. Seit Ray Chen 2008 den Yehudi-Menuhin- und 2009 den Königin-Elisabeth-Wettbewerb gewonnen hat, hypt ihn die PR als das nächste Klassikwunder aus Asien. Technische Schwierigkeiten scheint der 22-Jährige tatsächlich nicht zu kennen, aber sein viel gepriesener spielerischer Tiefsinn lässt im nur schütter verkauften Kammermusiksaal lange auf sich warten. Chen ist kein Draufgänger, er nähert sich beobachtend, tastend den Stücken, die er unlängst auf seiner ersten CD „Virtuoso“ aufgenommen hat und mit denen er zur Zeit durch Europa tourt. Aus Tartinis Teufelstrillersonate grinst bei so viel zart-schüchternem Strich ein freundliches Teufelchen, Francks impressionistische A-Dur- Sonate für Violine und Klavier huscht ohne inneres Feuer vorbei, und auch bei den virtuosen Mätzchen von Wieniawskis „Variationen über ein eigenes Thema“ kann Chen nicht verbergen, dass er die Unbedingtheit, das Spielen Müssen um jeden Preis, noch nicht empfindet. Sein Partner Julien Quentin am Klavier passt sich zunächst Chens verhaltenem Zugriff an, erst in der zweiten Hälfte spielt er sich frei und entwickelt eigenes Profil. Seinen überzeugendsten Auftritt aber absolviert Chen alleine, nackt und bloß: Bachs Chaconne aus der zweiten Partita für Violine Solo, in der die verzögerten Doppelgriffe zum universalen Prinzip erhoben sind, gelingt ihm filigran und farbenreich. Das Stille, Innige der protestantischen Musik Bachs scheint seinem Stil besonders entgegenzukommen. Anlass für einen Hype ist das nicht. Aber ein Kern, aus dem sich etwas entwickeln kann. Udo Badelt

MUSIKTHEATER

Heiße Hölle: „Discount Diaspora“

in der Neuköllner Oper

Core and Community nennen die Amerikaner dieses Konzept, das etwa in den Randbezirken von New York viele Off-Theater verfolgen: Besinne dich auf deine künstlerische Kernaufgabe und sprich die Menschen in deiner Nachbarschaft an. Frische Kunst über und für den eigenen Kiez – dem verschreibt sich mehr und mehr auch die Neuköllner Oper. Schon die Produktion „Brachland“ kam im letzten Sommer als Parodie auf die gentrifizierungswütigen Berliner Szenebezirke daher und mit dieser Premiere von „Discount Diaspora“ ist man nun endgültig angelangt bei einer Mischung aus komödiantischer Selbstbespiegelung und gegenwartskritischem Protesttheater.

Das Libretto von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel tut dabei eigentlich nichts, außer klischeebeladene Neukölln-Charaktere in klischeebeladene Neukölln- Szenen zu pressen: Der Mittdreißiger Omar (Alexander Nikolic mit inbrünstigem Tenor, Migrationshintergrund und eigenem Spätkauf) verdient mit, wenn das „Zonenmädchen“ Sandy (aufreizend: Jasmin Schulz) ihren Körper verkauft. Der Hartz-4-Empfänger Matze kauft diesen Körper ab und zu, ebenso wie der Makler Fred (mit expressivem Selbstbewusstsein: Adrian Becker), der es leid ist, die sozial Schwachen aus den schmucken Altbauten zu vertreiben und diese dann mit zahlungskräftigem Szenevolk zu besetzen. Dazu ein bisschen sarrazinistische Gemüsehändlerfeindlichkeit (mit tollem Pathos von Barbara Wurster vorgetragen) und alles ist abgebildet. Die Versuche von Regisseur Markus Heinzelmann, dem ganzen im letzten Drittel mehr Tiefe und Dramatik zu unterzujubeln, wirken meist halbherzig und scheitern an den witzigen, aber doch flachen Dialogen. Da haben die Komponistenbrüder Vivan und Ketan Bhatti schon bessere Argumente, in diese Oper hinein und nicht einfach an der Karl-Marx-Straße entlang zu gehen: Rhythmisch verspielter Funk-Pop, Jazz-Harmonien mit melodischem Hang zu E-Musik-Avantgarde und großem Gespür für kitschige Trockenheit, die in den besten Momenten an Kurt Weills Dreigroschenoper-Musik erinnert (wieder am 19./20., 24.-27. und 31. März). Die im Titelsong besungene „Heiße Hölle Neukölln“ – sie brodelt vornehmlich akustisch. Daniel Wixforth

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