KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Alpin: Kent Nagano dirigiert

das DSO in der Philharmonie

Bevor er den Taktstock hebt, hält Kent Nagano eine Ansprache. Er drückt dem japanischen Botschafter, der in die Philharmonie gekommen ist, die Anteilnahme aus: Es werde uns bewusst, wie fragil die menschliche Existenz sei; wie leicht die Sicherheit, in der wir uns wiegen, jederzeit durch die Gewalt der Natur zunichte gemacht werden könne. Das passte zum Hauptwerk des Abends. Denn in Bruckners siebter Sinfonie sieht Nagano auf der einen Seite die Natur, auf der anderen den intellektuellen Versuch, sie in eine Form zu zwingen.

Deutlicher als noch zu seiner Chefzeit beim Deutschen Symphonie-Orchester tritt dieser Gegensatz, der letztlich für die Dynamik des sinfonischen Geschehens verantwortlich ist, bei Nagano hervor. Mehr als früher kommt auch die Natur zu ihrem Recht: Nagano lässt den naturhaft volksmusikalischen Vignetten mehr Raum zur Entfaltung, als sei Nagano nach seinem Wechsel an die Bayerische Staatsoper von alpiner Gemütsart infiziert worden. Doch im Finale wallt das Blech so urgewaltig auf, dass man der letzten Wendung ins Hymnische nicht trauen mag.

Dass Wolfgang Rihms Monodram „Das Gehege“ dem Anspruch, durch Musik die Welt zu erklären, nicht im gleichen Maß standhalten kann wie eine Bruckner-Sinfonie, mag eine ungerechte Feststellung sein. Denn die 2006 von Nagano uraufgeführte Soloszene nach Botho Strauß’ „Schlusschor“ ist ein Stück musiktheatralischer Opulenz, das alle Register illustrativer Gefühlsdarstellung zieht. Aber selbst die ausgezeichnete kanadische Sopranistin Rayanne Dupuis kann nicht verhindern, dass das raumgreifende Wundenlecken einer neurotischen Frau im Angesicht einer Katastrophe wie in Japan etwas klein wirkt. Jörg Königsdorf

POP

Muttis Bester:

James Blunt in der O2-World

Von Grammy-Nominierungen über Brit-Awards hat er zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst, doch das Urteil der Kritiker lautet: Heulsuse. James Blunt polarisiert – und das weiß er auch. Als nach dem dritten Song seines anderthalbstündigen Auftritts in der O2-World das Publikum immer noch auf den Sitzen klebt, meint Blunt, er verstehe das vollkommen, und empfiehlt, auch bei den nächsten fünf Liedern doch bitteschön sitzen zu bleiben. Die seien ja ohnehin total traurig und langweilig. Diese Nachdenklichkeit und Selbsterkenntnis hätte man dem 37-jährigen Engländer gar nicht zu getraut. Als er sich für „Goodbye My Lover“ dann hinters Piano setzt, hat er bereits einen anderen Aggregatzustand erreicht, den der Ekstase. Er schmettert die Ballade geradezu und begibt sich in die Pose von Muttis Schmuser. Dabei ist auch richtig: Die Songs von seinem neuen Album „Some kind of trouble“ sind fetzig, sogar tanzbar, und das Publikum lässt sich dann doch noch von den Sitzen reißen. Dafür feiert James Blunt die Berliner zum Schluss. Alena Dörfler

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