KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Crescendostadt: Dagmar Manzel

beim Philharmonischen Salon

Die 1180 Plätze des Kammermusiksaals zu füllen, gelingt den wenigsten Künstlern. Götz Teutsch, der ehemalige Cellist der Berliner Philharmoniker, gehört dazu – als Gastgeber des „Philharmonischen Salons“, jener Veranstaltungsreihe, bei der sich seit zehn Jahren literarische Rezitation und Musik in kleinen Besetzungen zum bildungsbürgerlichen Vergnügen verbinden. Ab der nächsten Saison wagt man sich sogar an eine terminliche Verdopplung der sonntagnachmittäglichen Zusammenkünfte: Bewerbungen, so formulierte es Teutsch nicht ohne Stolz, nimmt das Abonnement-Büro des Orchesters ab sofort entgegen.

Der jüngste, dem Berliner Kulturleben der 20er Jahre gewidmete Salon, dürfte die Zahl der Fans noch einmal deutlich erhöht haben. Denn wiederum besticht das Programm nicht allein durch Solisten aus den Reihen der Philharmoniker nebst illustren Gästen, sondern eben auch durch eine kluge, feinnervige Dramaturgie, in diesem Fall einen Spannungsbogen, den Rezitator Robert Gallinowski vom tollen Elan der „Crescendostadt“ (Fritz Kortner) über ätzende Sozialkritik bis zum Blick in die Abgründe des Naziterrors zu schlagen vermag. Dagmar Manzel leiht diesem (blatt)goldenen Jahrzehnt ihre Stimmen – stets stilistisch treffsicher, ob als Diseuse, Revuegirl oder Mutter Courage. Frederik Hanssen

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Schreckensbilder: Midori Seiler

spielt Bach im Radialsystem

Vermutlich sind es unzulässige Assoziationen, kognitive Verkürzungen. Vielleicht liegt es aber auch an Midori Seilers glühender Aussagekraft, wenn sich vor das innere Auge die Schreckensbilder aus Japan drängen, als die Deutsch-Japanerin wie verlassen auf der dunklen Bühne des Radialsystems steht und beginnt, Bachs Partita in d-Moll zu durchleben. Es ist ihre unprätentiöse, stets fragende Art, die den Raum schafft, alles aus dieser Musik herauszuhören. Wenn Seiler in der Allemanda Dreiklangsbrechungen mit schwebendem Bogen haucht, wenn sie die lang gestrichenen Doppelgriffe der Sarabanda so fiebrig und zerbrechlich auf die Darmsaiten bringt, dass man nie weiß, ob die nächste Phrase sich selbst überstehen wird, entsteht jene musikalische Sprache, die Bach von innen ausleuchtet, statt ihn von außen anzustrahlen.

Dabei sollte man Ungezwungenheit nicht mit Ungewissheit verwechseln. Midori Seiler hat einen genauen Plan, sie spielt immer für den Augenblick. Es geht ihr um die Bestandteile, die Substanzen als solche, die sich – unterstützt von ihrem fabelhaften Gespür für Dynamik – wie von selbst zu einem organischen Ganzen verbinden. Ohne der alten Musik je ungerecht zu werden, entwickelt sie über dieses rohe Materialbewusstsein ein Bach-Verständnis anhand von Ur-Kriterien der Moderne. Ovationen. Daniel Wixforth

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