KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von
Decca / Ralph Mecke
Decca / Ralph Mecke

TANZ

Traumhaft: Kinderballett

in der Deutschen Oper

Träumen, ob bei Tag, des Nachts oder auch in der schützenden Dunkelheit des Zuschauerraums, ist ein Grundrecht der Kinder – das ihnen jedoch gerade von Künstlern immer öfter aberkannt wird. Im Kino wie im Kindertheater werden schon die Jüngsten gnadenlos mit der harten Welt da draußen konfrontiert, sollen reflektieren, interpretieren, dekonstruieren und dem gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang stets direkt in die Augen schauen.

Die Choreografin Felicitas Binder macht da nicht mit. Wenn sie die drei Dutzend jungen Darsteller des Kinder- und Jugendballetts der Deutschen Oper eine Tschaikowsky-Gala von beachtlichem Niveau tanzen lässt, entfaltet sich eine Wunderwelt im Tutu. Gemalte Kulissen evozieren die Atmosphäre von „Dornröschen“, „Nussknacker“ und „Schwanensee“, Diademe glänzen, Stoffblumen ranken sich über Rüschenroben, stramm sitzen die Fantasieuniformen. Da staunen die Kinder. Und die Erwachsenen wundern sich – weil sie so gründlich verlernt haben, romantisch zu glotzen.

Einen Verfremdungseffekt allerdings gibt es dann doch an diesem Abend: Die Musik kommt aus der Konserve, quillt in äußerst bescheidener Tonqualität aus den Boxen. Da meint man ihn ganz leise kichern zu hören, Bert Brecht, den alten Desillusionisten (wieder am 26. und 27. März in der Urania sowie am 9. und 10. April im Fontane-Haus). Frederik Hanssen

KUNST

Katze, Huhn, Reh: ein etwas anderer Tierfilm im Schinkel-Pavillon

Die Milchpfütze muss weg. Auch der letzte Rest! Wär doch schade, denkt sich die Katze. Und schleckt weiter. Im ewiggleichen Rhythmus und Zeitabstand. Nur manchmal hebt sie den Kopf, um träge und desinteressiert in die Kamera zu schauen. Der Vierbeiner, den das Schweizer Künstlerduo Fischli/Weiss da gefilmt hat, gehört nicht gerade zu der Sorte Tier, wegen der man die Hände zusammenschlägt und das Wörtchen „süß“ in die Länge zieht. Die Chancen, dass sich das ändert, stehen schlecht. Schließlich wartet ansonsten noch Mächtigeres auf seinen Auftritt: ausgewachsene Büffel und Bären.

Die Künstlerin April Lamm hat 23 tierische Videowerke bei anderen Künstlern eingesammelt und in anderthalbstündiges Kino verwandelt. Dabei hat sie konsequent in eine Richtung gearbeitet, in die Höhe: Die Filme sind nach Tiergrößen geordnet. Ob Vogel oder Elefant, ob Carsten Höller oder Douglas Gordon, sie alle geben dabei einen humoristischen bis schmerzhaften Blick auf das „Animal Kingdom“ frei, das Reich der Tiere (Schinkel-Pavillon, bis 3. April, Oberwallstr. 1, Fr/Sa 20–22, So 18–20 Uhr). Über ein Hühnchen, das gefühlte fünf Minuten sitzt und sitzt und sitzt, lässt sich leicht lachen. Über ein sterbendes Reh jedoch weniger.

Warum in der Kunst gezwitschert und miaut werden muss? Weil das Tier in Habitus, Neigung und mit seiner Sterblichkeit dem Menschen ähnelt, weil es sich als alternative Wesensform irgendwann aufdrängt. Weil dieser Film unsere Geduld bis an den Rand des Erträglichen manövriert – und uns wenig später gefällt. Darum. Annabelle Seubert

KLASSIK

Reibungslos: Albrecht Mayer

in der Philharmonie

„Es spielet der Hirte auf seiner Schalmei“, so fühlt sich das Naturereignis Frühling an. Jedenfalls im alten Lied. Es ist ein Klang von Berg und Tal und Einsamkeit. An der Oboe haftet etwas von dieser märchenhaften Aura, obwohl ihre Emanzipation das moderne Orchester trägt und prägt. Ihr geht das virtuos Rattenfängerische der Nachfolge von Franz Liszt und Paganini ab, von Pianoforte und Violine, das die Leute elektrisiert und von den Sitzen reißt. Trotzdem hat Albrecht Mayer eine Erfolgsstufe erklommen wie keiner der großen Oboisten vor ihm.

Als Solist, Star, Publikumsfavorit steht der Berliner Philharmoniker auf der Liste der First Classics. Ihm gelingt es, die Philharmonie bis unter die Decke mit seinen Fans zu füllen, wenn er im Konzert an sein aktuelles Album „Bonjour Paris“ anknüpft. Für den Auftritt in Berlin hat er sich die Münchner Symphoniker mit dem nahezu untertänigen Dirigenten Ari Rasilainen ausgeliehen, die ihm mit bestem Können und Frische dienen. Auffällig präsent der Flötist und die Solobratschistin. Leo Delibes Tänze im alten Stil, Theaterunterhaltung zu Victor Hugos „Le roi s’amuse“ und unkriegerische Märsche von Francis Poulenc strecken das Programm orchestral.

Maurice Ravels „Pavane pour une infante défunte“, die sich mit ihrem Schreiten vor allem über die Choreografie von Kurt Jooss eingeprägt hat, widmet Mayer den Opfern der japanischen Katastrophe. Wie viele Berliner Philharmoniker hat er enge Beziehungen zu dem Land, zu den Menschen dort, ja sogar ein Patenkind. Von Fauré bis zu Debussy reicht das Programm französischer Koloristik, in das die Oboe integriert ist, und in der „Blumenuhr“ von Jean Français tiriliert das Soloinstrument. Graziös, anmutig ist das Ganze, reibungsloses Konzertieren, geschmückt mit Albrecht Mayers Tonqualität, Atemtechnik, Kantabilität und seiner bläsertypischen Liebe zum Decrescendo. Sybill Mahlke

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