KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Volker Lüke
Foto: Kunstamt Schöneberg
Foto: Kunstamt Schöneberg

ROCK

Ich bau dir ein Schloss aus Lärm:

Mogwai im Huxleys

Man kommt zum Konzert und schon empfängt einen die Woge seligen Tobens. Wen wunderts, dass das Huxleys gerammelt voll ist, Mogwai haben sich im Laufe ihres Wirkens eine treue Fangemeinde zugelegt. Seit 15 Jahren ist bei den Postrock-Pionieren aus Glasgow alles auf Sound ausgerichtet. Selbst Songtitel wie „I love you, but I’m going to blow up your school“ oder der Titel des aktuellen Albums „Hardcore Will Never Die, But You Will“ sollen vor allem gut klingen, während die überwiegend instrumentale Musik mit großer Präzision auf die Aufhebung herkömmlicher Sinneswahrnehmungen zielt. Wo andere nur gekonnt durch ihre Songstrukturen kriechen, türmen Mogwai ihre Riffs ungerührt Block auf Block und walzen tonnenweise Gitarrenchoräle vom Himmel, bis die Musik so durchschlägt, als sei eine imaginäre Sense alles irdisch Bescheuerten in die Kniekehlen der Musiker gefahren. Eleganter und kompakter kann stures Bollern kaum sein. Doch überwältigender Krach und einlullendes Gesäusel können einander sehr nahe sein. Erst als die fünf Musiker den Gesamtsound vom leisen Ambient-Klingeln auf das Lärmniveau eines Kreissägewerks heben, kommt das dynamische Wechselspiel zum Tragen. Zum Höhepunkt wird das epische „Mogwai Fear Satan“, bevor die Band den Saal mit Feedbackgetöse flutet. Bis die letzten Töne aufwärts wirbeln und nur dieses hartnäckige Pfeifen im Ohr zurückbleibt. Funktioniert noch immer. Volker Lüke

KUNST

Melancholie im Blick:

Gertrude Sandmann im Kleistpark

Betonte Leichtigkeit und doch nicht schwerelos. Konventionell und doch besonders. Scheinbare Gegensätze formen das Werk Gertrude Sandmanns (1893–1981). Kunst als Spiegel der Zeitgeschichte. Wobei die historischen Zusammenhänge beim Betrachten der Bilder verborgen bleiben, sie offenbaren sich erst bei der Lektüre der Tagebücher der Grafikerin, die in Vitrinen neben ihren Werken liegen. Sandmann, als Fabrikantentochter in einer assimilierten jüdischen Familie aufgewachsen, feierte ab 1923 mit Sezessions-Ausstellungen Erfolge, reiste nach Italien und Paris und geriet nach 1933 in eine immer gefährdetere Lage. Aus der Schweiz muss sie, da ohne Aufenthaltserlaubnis, 1934 nach Berlin zurückkehren, Fluchtpläne nach England verwirft sie. Die Kollwitz-Schülerin schafft Illustrationen für Modezeitschriften, Stillleben, Akte, Portraits auf Papier. Die Portraits sind unprätentiös, oft verdeckt eine ausladende Hutkrempe das verwischte Gesicht. Stillleben sind mitunter so nüchtern formuliert, dass sie gegenstandslos wirken. Ab September 1941 muss Sandmann den Judenstern tragen, Ende 1942 geht sie in den Untergrund, hinterlässt in ihrer Wohnung einen Abschiedsbrief, in dem sie Selbstmord ankündigt. Sie kommt bei einem befreundeten Kommunisten unter, zieht in eine leer stehende Laube, das letzte Jahr bis Kriegsende verbringt sie versteckt in der Wohnung ihrer Lebensgefährtin in der Eisenacher Straße 103. Ganz in der Nähe wird sie nun mit der Ausstellung geehrt. Bis zu ihrem Tod lebt Sandmann in der Eisenacher Straße, späte Pastelle zeigen den Blick aus ihrem Fenster(Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6-7; bis 1. 5., Di-So 10-19 Uhr).Paulina Czienskowski

ROCK

Davon geht die Welt nicht unter: Current 93 in der Volksbühne

Wenn nicht alles täuscht, steckt die Menschheit in ernsten Schwierigkeiten. Die Zeichen eines drohenden Weltuntergangs verdichten sich, passend dazu kommt mit David Tibet ein Mann in die Stadt, für den die Apokalypse noch eine echte Herzensangelegenheit ist. Obwohl sich der 51-jährige Engländer nie um Anschluss ans aktuelle Musikgeschehen bemühte, gilt er als stilprägende Größe der „Weird-Folk“-Bewegung. Sein Ensemble Current 93 hat sich in 28 Jahren von verstörendem Industrial-Kram zu einer Musik durchgearbeitet, die man als esoterischen Folkrock bezeichnen könnte. Beim Auftritt in der ausverkauften Volksbühne ist neben der transsexuellen Pianistin Baby Dee auch ein Oud-Lautenspieler dabei, während Tibet barfuß über die Bretter tippelt und düstere Moritaten vorträgt: „Storm Alert! Over The Horizon!“. Unheilvolle Acid-Phantasien, eingerahmt von sechs Musikern mit Gitarren, Schlagzeug, Keyboard und Sample-Elektronik. Neben Klassikern wie „Black Ships Ate The Sky“ oder „Niemandswasser“ gibt es Songs vom neuen Album „Baalstorm, Sing Omega“ zu hören, das mit Melodien überrascht, die auch auf eine Kuschelrock-CD passen würden. Mitreißend wird es, wenn die Band zum lärmenden Pathos zurückfindet. Dann klingen Current 93 wie ein sterbender Planet, der im Untergang seltsame Geräusche von sich gibt. Volker Lüke

KLASSIK

Auf den Gipfeln der Klavierkunst:

Rudolf Buchbinder im Konzerthaus

Nichts ist, wie es scheint, sagt Rudolf Buchbinder über die Stücke seines Klavierabends im Konzerthaus. Seine Interpretationen sind dazu angetan, diesen Eindruck zu bestätigen. Beethovens Diabelli-Variationen, dieser schwer zu besteigende Gipfel der Klavierliteratur, zerklüften das arme kleine Walzerthema des Verlegers bis zur Unkenntlichkeit, schweifen aus in ein unendliches Reich kühnster Phantasien. Buchbinder rückt das Werk noch stärker in die Moderne, betont Brüche und scheinbare Ungereimtheiten. In rasch voranstürmenden Tempi entstehen ungeahnte Zusammenhänge, so etwa, wenn im Rausch paralleler Läufe und Doppelgriff-Kaskaden plötzlich Sekundketten aufklingen oder Abschlüsse und Zäsuren einfach überspielt werden. Auch Sergej Rachmaninow ist in seinen „Corelli-Variationen“ nicht der, der er zu sein vorgibt. Das letzte Klavierwerk des russischen Virtuosen atmet depressive Düsternis. Halsbrecherische Technik ist hier Mittel zum Zweck, und Buchbinder erfüllt sie mit Feingliedrigkeit in dunklen, gedeckten Farben. Isabel Herzfeld

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