KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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MUSIKTHEATER

Geschichten basteln:

„Wachsfigurenkabinett“ an der UDK

Vierte Wand? Papperlapapp. Hier kann es sich keiner in der Theaterkonvention gemütlich machen, ständig wird ihm auf die Pelle gerückt. Der Tisch, an den er sich eben lehnte, ist plötzlich Spielfläche, die Jacke, die er an der Garderobe abgab, wird beinahe als Requisit mit in den Strudel gerissen. Auch im zwölften K.O.-Projekt von Komischer Oper, UdK, Schauspielschule „Ernst Busch“ und Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ sollen neue Formate ausprobiert werden – diesmal mit „Wachsfigurenkabinett“: fünf Kurzopern von Karl Amadeus Hartmann, entstanden gegen Ende der Weimarer Republik.

Verstörung allerorten. Die Zuschauer werden durch die vielgestaltigen Kellerräume des UNI.T-Theaters an der Fasanenstraße von Damen geführt, die nur Chinesisch sprechen, und vom Hausmeister, der sie in einer dadaistischen Performance mit rotem Tuch einwickelt. Die Frage, ob die Probleme von Hartmanns Zeit heute noch relevant sind, reißt der Abend nur an. Mit Schlagworten um sich zu werfen, „Kaaapitalisssssmus!“ zu brummen und irgendwo „Atomkraft“ anzufügen, reicht nicht. Visuell und akustisch (Junge Philharmonie Brandenburg) sind die Inszenierungen aber ein Ereignis, besonders in der letzten Oper „Chaplin-Ford-Trott“, eine zu Wachs geronnene surrealistische Märchenszenerie. Jeder Besucher bastelt sich seine eigene Geschichte zu den Bildern, die er sieht. Dass er sich plötzlich selbst auf der Bühne wiederfindet, passt dazu. Udo Badelt

ARCHITEKTUR

Makellos: Historische Fotografien der Bauten Mies van der Rohes

Die Architektur der Klassischen Moderne, so ein verbreiteter Irrtum, könne nicht in Würde altern. Mit der großartigen kleinen Ausstellung „Ludwig Glaeser. Mies und sein Archivar“ tritt das Mies van der Rohe Haus im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen den Gegenbeweis an (Oberseestr. 60, bis 10.4. Di-So 11-17 Uhr). In den 1970er Jahren entstanden die 25 Fotografien, auf denen Ludwig Glaeser (1930 - 2006) Bauten van der Rohes dokumentiert: den filigranen Glaskasten des Farnsworth House, das Federal Center und die beiden schlanken Apartmenthochhäuser am Lake Shore Drive in Chicago, aber auch das damals bereits über zwei Generationen alte Berliner Haus Perls.

Die stets präzisen, nie pedantischen Fotos zeigen eine makellose Architektur, der die Spuren von Verwitterung und Benutzung nichts anhaben können. Ludwig Glaeser, gebürtiger Berliner und ausgebildeter Architekt und Kunsthistoriker, arbeitete ab 1963 als Kurator für Architektur am New Yorker MoMA. Dort etablierte er das Mies van der Rohe-Archiv. Fotografieren war für ihn Privatvergnügen. Rund 5000 Negative haben sich in New York erhalten. Dass nun erstmals überhaupt Aufnahmen von Glaeser in einem Museum zu sehen sind, verdankt sich Vita Noack, der Leiterin des Berliner Mies-Hauses, und Nicolas Köhler, einem in Berlin lebenden Sohn von Glaeser. Ein originelleres Geschenk hätte man Mies zum 125. Geburtstag nicht machen können. Michael Zajonz

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