KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Spitzen-Klöppelei:

Martin Grubinger in der Philharmonie

Es ist schon das dritte Berliner Konzert Martin Grubingers in dieser Saison: Nach der Waldbühne im Spätsommer und einem Abend mit dem RSB macht er am Montag nun als Tournee-Solist mit dem Bergen Philharmonic Orchestra Station – ein vierter Auftritt ist für den 13. Juni angekündigt. Der Multiperkussionist aus dem Salzburger Land passt gut in die deutsche Hauptstadt. Hier ist man ja auch stolz darauf, besonders schlagfertig zu sein. Und richtig laut kommt immer gut an.

Die Virtuosität allerdings, mit der Grubinger in Rolf Wallins „Das war schön“-Konzert bis zu 12 Schlegel gleichzeitig über Metallo- und Vibrafon sausen lässt, geht weit über die rein technische Faszination hinaus: Hypersensibel seine Pianissimi, hinreißend die Lockerheit der Läufe. Da vermag einer mit kleinen, festen Klöppeln auf hartem Material wirklich zu singen. Nach der Zugabe – einem wahnwitzig rasant genommenen Ragtime – herrscht Justin-Bieber-Stimmung in der gut gefüllten Philharmonie.

Bei so einem Solisten gerät das mitreisende Orchester schnell zur Staffage. Blass wirkt die „Peer Gynt“- Suite zu Beginn, erst nach der Pause können die Norweger für sich einnehmen, wenn sie ihrem Chefdirigenten mit Leidenschaft durch Rachmaninows 2. Sinfonie folgen. Das wuchtige Werk ist Andrew Litton hörbar eine Herzensangelegenheit. Die große Geste, die romantisch-schwärmerische Emphase liegt dem Maestro mehr als jene subtile Detailarbeit, die bei Griegs Schauspielmusik nötig gewesen wäre. Breit wird russische Schwermut beschworen, die Streicher glühen in Liebessehnsucht. Am Interessantesten aber sind die grellen Farben, die Litton im 2. Satz zulässt. Frederik Hanssen

SONGWRITER

Von nun an geht’s bergab:

Josh T. Pearson im Comet Club

Man möchte gar nicht wissen, was Josh T. Pearson in den vergangenen Jahren widerfahren ist. Hinter der unspektakulären Aussage „Ich habe eine Deutsche geheiratet. Es ging nicht gut“, die der texanische Songwriter zwischen zwei Lieder einstreut, müssen sich Abgründe verbergen. Hier wurde ein Herz herausgerissen. Mindestens. Pearson, der Ende der neunziger Jahre mit der Countryrockband Lift To Experience eine legendenumrankte Platte aufnahm, steht auf der Bühne des schütter gefüllten Comet Clubs und wirkt wie ein verstoßener Prediger: ein Männlein im schwarzen Anzug mit strähniger Mähne und Vollbartpracht, das mit spinnendürren Fingern über die Saiten seiner akustischen Gitarre streicht. Dazu singt er mit einer volltönenden Stimme, die ein bisschen an den jungen Nick Cave und ein bisschen an den alten Willie Nelson erinnert.

Mit Berlin verbindet ihn nicht nur die gescheiterte Ehe, sondern auch der Versuch, dem irdischen Jammertal wieder zu entkommen. Sein erstes Soloalbum „Last of the Country Gentlemen“, dessen sieben ellenlange, todestraurige Balladen für über eine Stunde beklemmender Konzertintensität reichen, wurde hier in zwei feuchten Nächten eingespielt, was die Rekonvaleszenz nicht eben begünstigt: „Berlin ist keine gute Stadt, um nüchtern zu werden.“ Irgendwann weiß man nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll, denn Pearson hat einen staubtrockenen Humor. Statt einer Zugabe erzählt er mit dem Temperament eines Schlafwandlers bittere Witze: „Wie nennt man einen Musiker, den seine Freundin verlassen hat? Obdachlos.“ Lachen, den Kloß im Hals runterschlucken, und dann bildet das dankbare Publikum eine Gasse, durch die der Künstler entschwindet. Jörg Wunder

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