KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Jens Hinrichsen

KUNST

Auf Wasser gemalt: Sarkis

in der Galerie Tanas

Die japanische Monsterwelle auf Hokusais berühmtem Farbholzschnitt von 1830: schön und schrecklich in diesen Katastrophentagen. Die Galerie Tanas zeigt ein Video, in dem die Fischerboote verschlingende Woge in einem Kunstband auftaucht – und die Hand des Künstlers Sarkis sich bemüht, mit Aquarellfarben seine Version der legendären Vorlage in eine Schale Wasser zu malen.

38 zwischen 1996 und 2010 entstandene Filme des 1938 in Istanbul geborenen Sarkis stellt die Ausstellung „The Speed of Colors“ vor (Heidestr. 50, bis 14.5., Di-Sa 11-18 Uhr). Das Gros dieser Videos zeigt die Sisyphus-Arbeit, berühmte Kunstwerke statt auf Papier in Wasser nachzumalen, darunter Edvard Munchs „Schrei“, Gemälde von Caspar David Friedrich oder ein schwarz-rotes Kreuz von Kasimir Malevich. Dazu weitere Aktionen, in denen Sarkis auf Papier gemalte Möbel und Einrichtungsgegenstände mit roter Wasserfarbe in Brand setzt oder Wachs in seine Hand tropfen lässt. Sarkis, der in Frankreich lebt, kann auf ein variationsreiches Werk zurückblicken. In Berlin wird ein eindrucksvoller Ausschnitt gezeigt. Um die Welle in Bewegung zu versetzen, genügt dem Künstler ein Tropfen Blau, der sich unaufhaltsam in der Schale ausbreitet.Jens Hinrichsen

KLASSIK

Mit Nachdruck: Christianne Stotijn

im Kammermusiksaal

Die deutschen Romantiker sind echte Leisetreter: überall tönt es mild und lieblich, Bäche rieseln, leises Geläute durchzieht die Gemüter. Warum das so auffällt? Weil die Mezzosopranistin und Echo-Preisträgerin Christianne Stotijn bei ihrem Liederabend im Kammermusiksaal so gar keine Leisetreterin ist: Ihre Stimme braucht an diesem Abend Nachdruck und kontrolliertes Vibrato, um ihre ganze Fülle und Ausstrahlung zu erreichen. Dann überwältigt sie durchaus mit Visionen blühender Rosen, trällernder Nachtigallen und anderer nächtlicher Wonneschauer. Für die sehr deklamatorischen deutschen Liedvertonungen Griegs und die selten gesungenen Heine-Lieder von Brahms müsste das Ausdrucksspektrum aber auch im Pianissimo ausgereizt sein, könnte sich die Solistin öfter in die Rolle der Beobachterin statt der Agierenden begeben und dürften auch die Vokale bisweilen präziser geformt werden. Ein anderes Bild ergibt sich in der zweiten Programmhälfte bei Rachmaninow und Tschaikowsky: Hier kann Stotijn ihrer Stimme freien Lauf lassen und die Lieder mit starker natürlicher Präsenz und glutvoller, aber unkitschiger Emphase in packende Szenen verwandeln. Sympathisch, dass sich Stotijn ausgerechnet mit Richard Strauss’ „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ verabschiedet: Das ausgedehnte Nachspiel dieses Liedes gibt ihrem Klavierbegleiter Joseph Breinl Gelegenheit, sich mit seinem farbenreichen poetischen Spiel nachhaltig in Erinnerung zu bringen. Carsten Niemann

POP

Nicht allzu traurig: Lykke Li

im Astra Kulturhaus

Als Lykke Li im vergangenen Winter in Berlin über ihre neue Platte „Wounded Rhymes“ sprach, diktierte sie der Presse blass und resigniert ihren persönlichen Schmerz in die Aufnahmegeräte. Die Kurzfassung: Album Nummer eins handle von gescheiterten Liebesentwürfen, Album Nummer zwei ebenfalls. Das mache aber nichts – Glück sei ohnehin ein eindimensionales Gefühl. Wer nun als Konzertgänger befürchtete, lediglich Zeuge musikalischer Trauerarbeit zu werden, wurde eines Besseren belehrt: Geschickt verknüpft die Schwedin im ausverkauften Astra das Material ihrer Platten zu einem nie kitschigen, aber immer in den Bann ziehenden Stilmix.

Das liegt natürlich auch an ihrer aus dem Nebel aufspielenden Band. Jahrelange Begleiter, die das Material aus der Westentasche variieren können, die einen unsichtbaren Regler zu besitzen scheinen, der ab und an in Extrembereiche geschoben wird. Dann wechselt der Klang vom perkussionsgetriebenen Melo-Pop, der Hits wie „I Follow Rivers“ definiert, in Bereiche, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mal wird mit flirrenden Synthies und zum Teil zwei Schlagzeugern der Fabrikhallenrave der Frühneunziger zitiert. An anderer Stelle wummert die Orgel wie in einem Gottesdienst in den amerikanischen Südstaaten, fleht ein dreistimmiger Chor. Und Lykke Li? Die tanzt zwischen von der Decke hängenden Vorhangfetzen. Mal verhuscht, mal expressiv, immer mit der nötigen Hingabe. Jochen Overbeck

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