KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Üppigkeit und Schönheit:

Rafal Blechacz im Konzerthaus

Selbstverständlich ist der kleine Saal im Konzerthaus ausverkauft, und natürlich sprudelt er über vor Begeisterung. Schließlich bringt der junge polnische Pianist Rafal Belchacz alles mit, um Klavieraficionados noch süchtiger zu machen: eine Ausstrahlung wie ein schüchterner Abiturient, ein konservatives Programm und eine Anschlagskultur, die in ihrer Schönheit und Üppigkeit an Zeiten erinnert, als man noch Klavier spielen durfte, ohne sich mit alten Instrumenten und historisch informierter Spielweise herumschlagen zu müssen. Blechacz spielt Bachs „Italienisches Konzert“ und Mozarts B-Dur-Sonate KV 570 also auf einem modernen Steinway. Das breite Register aber, die vielen Farben, das Pedal für tiefste Klangräume, all das führt zunächst zu einem vermischten Eindruck, trotz aller Virtuosität: Den Bach nimmt Blechacz mit starker Hand; darunter setzt er einen jagenden Puls, paradoxerweise selbst im Mittelsatz, dem er eine extra-kontemplative Aura beimischt. Der Mozart tönt im Allegro aufgepumpt, das Adagio nach romantischer Waldesnacht. Nach der Pause wird dieser Abend aber doch noch zur Sternstunde, mit Chopins Barcarolle Fis-Dur etwa, ureigenstes Revier für den Chopin-Wettbewerb-Gewinner 2005, vor allem aber mit Karol Szymanowskis Fuge cis-Moll, mit ihrem leicht angeschrägten Thema, der Blechacz einen ganz eigenen, ernsten Zauber zu geben weiß, und seiner Gebirgslandschaft der Variationen b-moll, die sich so hoch türmen, dass man denkt, Blechacz schlage alle Tasten auf einmal an, bloß in spätromantisch überkreuz gelegter Harmonie. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Biegsamkeit mit Bravour:

I Musici im Kammermusiksaal

Diese Frau ist eine Erscheinung. Bodenlanges, schulterfreies rotes Kleid, blondes Haar, goldene Trompete: Alison Balsom betritt den Kammermusiksaal als Venus. Doch wenn die Engländerin anfängt zu spielen, sind alle Äußerlichkeiten vergessen. Kunstvoll unscheinbar mischt sie zunächst ihr Instrument unter die Streicher der zwölf Musici di Roma, um dann die Szene schnell mit glockenhellem, diamantenem Klang, edlem Timbre und dynamischer Biegsamkeit zu dominieren. Charmant bringt sie die drei Konzerte von Tomaso Albinoni, Vivaldi und Händel von innen her zum Leuchten, unerschrocken und sicher schickt sie den Final- und Spitzenton, das zweigestrichene H, von Vivaldis Concerto D-Dur RV 230 in den Raum. Alison Balsom ist Balsam für die Ohren. Eingebettet sind ihre Auftritte in ein Vivaldi- und Telemannprogramm, mit dem I Musici di Roma zeigen, welche Vielfalt an Formen allein die italienische und deutsche Barockmusik hervorgebracht haben. Vom ersten Strich an bringt die Leidenschaft für dieses Repertoire das Blut in Wallung. Markante Dynamikwechsel, saftige Tutti, Affektwechsel, die immer organisch, nie willkürlich wirken, eine funkelnde Fuge in Händels Concerto Grosso G-Dur op. 6 Nr. 1, ausgehauchte Satzenden: Seit fast 60 Jahren, so lange wie kein anderes Kammerensemble, brillieren I Musici im Repertoire des 18. Jahrhunderts. Ein beglückender Abend. Udo Badelt

KUNST

Countrysongs und Vogellärm: Multimediales in der NGBK

Im Autoradio dudeln Countrysongs, an den geöffneten Fenstern ziehen bunt blinkende Motelschilder vorbei, und vor einem liegt der fast glühende Teer der Straße. Für viele mag das nach der ganz großen Freiheit klingen, für Kristina Leko und David Smithson aber muss es die Hölle gewesen sein. Das kroatisch-amerikanische Künstlerpärchen fuhr 2003 eine Woche lang mit dem Auto durch den Südosten der USA, unter anderem durch die Staaten Utah, Nevada und Arizona. Und immer dabei: die Kamera. Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin (Oranienstraße 25, bis 17.4., tägl. 12-19 Uhr; Do-Sa bis 20 Uhr) zeigt nun ihre multimediale Installation „Snoring in the USA“, eine Leihgabe der Kunsthalle Zagreb: sieben Tage und sieben Nächte auf 14 Leinwänden. Tagsüber machte Kristina Leko wackelige Aufnahmen aus dem Autofenster. Nachts filmte eine fest installierte Infrarot-Kamera das Paar, wie es sich im Bett hin und her wälzte. Über allen Filmen liegt ein Soundbrei aus lautem Schnarchen, Vogelgezwitscher und Country-Songs. Ergänzt wird das alles durch Textcollagen auf dem Boden. Ach ja, im Eingangsbereich gibt es noch einen „Reading Room“ mit Zeitungen des entsprechenden Zeitraumes von 2003 und Büchern von Philip Roth und Michael Moore. Die totale Reizüberflutung – bitte macht nächstes Mal einfach eine Diashow. Johan Dehoust

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