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KLASSIK

Feurig: Jean-Christophe Spinosi

mit dem DSO in der Philharmonie

Ein Tausendsassa, zeitgemäßer beschrieben als Rocker des Barock, kommt in die Philharmonie und siegt. Jean-Christophe Spinosi sucht musikalische Charaktere im Extrem. Leiser noch als alle anderen Dirigenten zieht er ein Adagio aus dem Nichts, furioser jagt er ein „barbarisches“ Presto dem Publikumsjubel zu. Er hüpft, bis die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters mit ihm im Takt trampeln. Der Spaßvogel ist ein Könner.

Eine relativ späte Entdeckung für Berlin, denn der 46-jährige korsische Maestro ist kein Newcomer, dirigiert in Wien und überall und gilt auf dem Plattenmarkt besonders als Vivaldi-Spezialist. Von dem Venezianer hat er die Oper „La fida ninfa“ eingespielt, deren Ouvertüre hier den Abend so eröffnet, dass die Echos sprühen. In dem Flötenkonzert „La notte“, wo Gespenster mit ruhigem Schlaf wechseln, schimmern faszinierend die Töne des Solisten Gergely Bodoky und offenbaren die Bedeutung Vivaldis für die Frühklassik. Der alte Telemann, Zeitgenosse Vivaldis, kann kaum feuriger belebt werden als in der parallelen Behendigkeit, die Bodoky und Alexis Kossenko in einem Doppelkonzert für Flöte und Blockflöte erreichen. Das DSO mutiert zu einem gut gelaunten Barockorchester. Es kommt zu heiteren Zwischenrufen aus dem Saal.

Da Spinosis Körpersprache im Rhythmus der Musik steht, lenkt sie nicht ab. Sie zappelt nicht, sondern dient als Ansporn. Auch eine kontrastreiche, kantige Interpretation der Vierten von Beethoven zeigt, dass die vielen Kniebeugen sehr musikalisch sind. Sybill Mahlke

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