KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Blühend: die Berliner Cappella

mit Kerstin Behnke im Konzerthaus

Unter den Chören der Stadt steht die Berliner Cappella für Neugier und Semiprofessionalität. Das ist ihre Tradition, seit der junge Kantor Peter Schwarz den Laienchor mit hohem Studentenanteil vor über vierzig Jahren gegründet hat. Heute gelingt es der gewandten Dirigentin Kerstin Behnke, die Mitglieder so zu motivieren, dass sie wie eine verschworene Gemeinschaft mit Ausnahmewerken auftreten. So im Konzerthaus mit dem Requiem „For those we love“ von Hindemith. Dabei wird der leichte, flexible Gesang von der Filharmonia Pomorska gestützt, auch diese Zusammenarbeit reicht in politisch bedrängtere Vergangenheit zurück. Die Komposition, Fliederrequiem nach ihrem Textbeginn „When lilacs last in the door-yard bloom’d“ genannt, reflektiert das Zeitgefühl von 1946, das sich mit der Dichtung von Walt Whitman trifft. Sie entstand anlässlich der Ermordung von Abraham Lincoln, humanitäre, patriotische Lyrik auf die Neue Welt. Hindemith hat selbst eine deutsche Fassung verfertigt und beim RSO in Berlin dirigiert.

Trauer verbindet sich mit einem kraftvollen Bild Amerikas, dessen Staatsbürgerschaft der Komponist 1946 erworben hat. Es ist eine verständliche Musik mit ihren Trompetensignalen, Flöten und Glocken, Hindemith-Ton und Kontrapunkt, der in einer überschwänglichen Fuge auf „this land“ gipfelt. Die Vokalsolisten Marek Reichert und Ulrike Bartsch verteidigen Deutlichkeit. Die Wiederbegegnung mit dem Chorgemälde Amerikas aus der Nachkriegszeit erweckt Nachdenklichkeit. Das ist der Berliner Cappella und ihrer animierenden Interpretation zu danken. Sybill Mahlke

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Sakral: das Trio Mediaeval

in der St.-Johannes-Evangelist-Kirche

Schon die allerersten Klänge, die das Trio Mediaeval aus der Ferne, vom Eingang der St.-Johannes-Evangelist-Kirche, ertönen lässt, wecken fantastische Assoziationen: Wird als nächstes eine Prozession von Nonnen den Mittelgang entlangschreiten oder ein Schwarm großflügeliger Seraphim in die Apsis flattern?

Nein: Drei junge Frauen mit burschikosen Kurzhaarfrisuren und Lederstiefeln sind es, die am Ende in dem voll besetzten neoromanischen Bau stehen. Ihre „Worcester Ladymass“ (auf CD erschienen bei ECM) ist eine Sensation. Es handelt sich um die Rekonstruktion einer Messe zu Ehren Marias aus Manuskripten des 13. und 14. Jahrhunderts, die auf abenteuerliche Weise die Zerstörungen unter dem protestantischen König Heinrich VIII. überlebten. Faszinierend ist schon allein das musikalische Material, das mit seinen hypnotisch kreisenden Rondellen, kunstvoll verflochtenen Motettenpartien, weit atmenden melodischen Bögen, schlichten Bordunen, feierlichen Anrufungen in syllabisch zelebrierten Worten und den berühmten „süßen“ englischen Terzklängen eine Fülle von Texturen bietet und seine kompositorische Stärke gerade auch im Vergleich mit dem nachkomponierten Credo von Kevin Bryars beweist.

Aber all das wäre nichts ohne das norwegisch-schwedische Trio. Beeinflusst von ihren Erfahrungen mit nordischer Volksmusik bieten sie diese Musik mit einer Verschmelzungsfähigkeit der Stimmen, mit einem Detailbewusstsein und mit einer geradezu körperlich spürbaren Klangsinnlichkeit dar, die schlicht atemberaubend ist. Carsten Niemann

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