KURZ  &  KRITISCH :  KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Schön bunt: Musical Olympus

im Kammermusiksaal

Als würde ein Partygast, der lange die graue Maus im Hintergrund war, plötzlich aufstehen und eine leuchtende Rede halten. So hört es sich an, wenn Gunars Upatnieks im Kammermusiksaal auf seinem Kontrabass spielt in Nino Rotas Divertimento Concertante von 1973. Upatnieks ist einer der Solisten, die bei „Musical Olympus“ in St. Petersburg auftreten, das seit 15 Jahren Preisträger internationaler Wettbewerbe in einem Festival versammelt. Polina Pasztircsak aus Budapest singt Berlioz’ „Les nuits d’été“ mit hochdramatischem, in der Höhe blendend schönem Power-Sopran, Simon Klavžar und Jože Bogolin zaubern mit feinsten dynamischen Spielchen auf ihren Vibraphonen, und Ilya Maksimov spielt Beethovens erstes Klavierkonzert C-Dur mit kristallinem, feinnervigem Anschlag. Auch wenn Justus Frantz die Philharmonie der Nationen dabei hemdsärmelig und fast durchgehend zu laut dirigiert, hat das Festival mit dieser Auswahl wieder einmal beeindruckend und – nun schon zum dritten Mal – in Berlin für sich Reklame gemacht. Udo Badelt

KLASSIK

Sonnengolden: Der Rundfunkchor

im Neuen Museum

Einen Moment scheint es, als wäre das geschundene Neue Museum wieder heil, denn vor dem rohen Mauerwerk des Treppenhauses hängen drei monumentale Gemälde in der Luft. Es handelt sich um Klanggemälde für 16-stimmigen Chor und sie stammen aus dem reichlich unbekannten A-Cappella-Werk von Richard Strauss. Die Aufführung ist Teil des Projekts „Broadening the Scope of Choral Music“ mit dem der Rundfunkchor Berlin die Grenzen des Konzertsaals wie des Repertoires überschreitet. Das Experiment unter Michael Gläsers Leitung lohnt sich: In den horrend schwierigen Partituren versucht der Klangmagier Strauss, die Wirkung eines Orchesters mit vielfach geteilten Streichern auf Stimmen zu übertragen. Es ist Musik, die idealistisch-bildungsbürgerliche Griechenverehrung und wilhelminischen Selbstdarstellungstrieb atmet, aber auch – wie schon Strauss- Kritiker Adorno bemerkte – eine kräftige Prise Böcklin enthält. Am stärksten berührt Strauss, wo er Naturereignisse malt oder mit oft verblüffender Harmonik von Todessehnsucht spricht. Grandios ist der Sonnenglanz von „Der Abend“ nach Schiller, auch wenn die Soprane bei den gnadenlos lange ausgehaltenen, gleißenden Liegetönen kurz schwächeln. Während Strauss das sperrige Fugenthema seiner Hymne op. 34 zu einem erstaunlich klangsinnlichen Klimax mit Fernchor schichtet, gerät die Schlussfuge der ähnlich gebauten Deutschen Motette op. 62 zur chorsymphonischen Kraftmeierei – der man aber schon allein wegen Iwona Sobotkas alles überstrahlendem Sopran die Achtung ganz nicht versagen kann (noch einmal heute, 20.30 Uhr).Carsten Niemann

KUNST

Schwarzweiß: Hans Könings

im Petra Rietz Salon

Der Raum ist schlicht und klein. Ganz in Weiß. Die Bilder an der Wand in quadratischen Rahmen, ganz in Schwarz. Die Bilder schwarz-weiß. „Die andere Geschichte“ lautet der Titel von Hans Könings’ Ausstellung im Petra Rietz Salon (Koppenplatz 11a, bis 14.5.; Mi–Sa 15–18 Uhr). Dort werden 49 Linoldrucke des niederländischen Künstlers und Wahlberliners gezeigt. Seine Arbeiten basieren auf eigenen und fremden Fotografien, die er in Zeitungen oder auf Flohmärkten findet. „Die Auswahl ist intuitiv“, sagt Könings. Er vereinfacht die Fotos am Computer, stellt so die Vorlage für den Linoldruck her. Es sind schlichte Schnappschüsse: Frauen, Männer, einzeln und in Gruppen, in stereotypen Posen. Gebäude und Militärflugzeuge aus den zwanziger Jahren. Von der Totalen zum Close-up. Manche detailreich, andere grobflächig. Die Reduktion der Bilder auf eine reine Schwarz-Weiß-Ästhetik ermöglicht es, nur das Wesentliche zu erkennen und neu zu interpretieren. Losgelöst vom ursprünglichen Abbild erhalten die Bilder einen eigenständigen Charakter. Sie erscheinen vertraut und abstrakt zugleich. Einige erinnern an berühmte Filmstills oder an Schablonengraffiti aus dem Straßenraum, andere lassen zuerst nur Licht und Schatten erkennen. Alle vereint eine schlichte Poesie. Jennifer Lynn Erdelmeier

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