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KLASSIK

Verlorene Heimat: Neeme Järvi

und das DSO blicken Richtung Osten

Musikalische Themenabende haben den Nachteil, dass sie mitunter zu viel des Immergleichen bieten. Statt eines klug komponierten Menüs servieren Neeme Järvi und das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie drei deftige Mahlzeiten hintereinander. Sibelius’ Tondichtung „Finlandia“(1899), die ein halbes Jahrhundert später entstandene fünfte Sinfonie des Esten Eduard Tubin und Carl Nielsens Vierte aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, mit dem programmatischen Titel „Die Unauslöschliche“: Protest- und Sehnsuchtsmusiken aus dem Baltischen und dem Skandinavischen, Manifestationen von Krieg und Exil, Gesten des Aufbegehrens gegen die russische Unterdrückung.

Die Vertriebenen sind ja oft die wahren, eigentlichen Patrioten. Das DSO und Neeme Järvi, der 73-jährige estnisch-amerikanische Maestro, lassen die verlorene Heimat und die Wirren des Krieges jedoch derart kraftvoll aufleben, dass Nuancen kaum eine Chance haben. Das schockstarr verlangsamt Synkopische bei Sibelius, das herzflimmernde Eingangsthema bei Tubin, die Sprödigkeit von dessen Sinfonie samt den etwas unterkomplexen Motivwiederholungen und fugierten Verdichtungen werden im allgemeinen Schinderassa ebenso untergepflügt wie die permament bedrohten Naturlautmalereien bei Nielsen. Trotz aparter Holzbläser, einer exquisiten Solovioline und der tastenden Suchbewegung der Streicher im Adagio-Teil der Vierten ist es wie bei Antikriegsfilmen: Auch ihnen haftet ja etwas Martialisches an. Die dauerintensive Beschwörung des Schreckens schreckt selber, zumal Järvi nur zwei Lautstärken kennt: laut und etwas weniger laut. Mächtige Paukenschläge am Ende, mächtiger Applaus. Christiane Peitz

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Nachdruck und Leichtigkeit:

Klaviertrios im Kammermusiksaal

Große Namen werfen große Schatten. Aber wie genau man im Kammermusiksaal auch hinsieht – ein Schatten ist nicht zu erkennen. Dabei sitzt mit dem Cellisten Adrian Brendel der Sohn einer Musikerlegende auf dem Podium, während der kanadische Geiger Corey Cerovsek die anspruchsvolle Aufgabe hat, für die erkrankte Lisa Batiashvili einzuspringen. Doch was die beiden im Trio mit dem Pianisten Till Fellner zu bieten haben, ist ein Musterbeispiel entspannter Meisterschaft. Schon in Joseph Haydns Klaviertrio Hoboken XV:24 gelingt ihnen die Balance zwischen Nachdruck und Leichtigkeit, und genau in dem Moment, in dem die Gedanken vergnügt abzuschweifen beginnen, stellt eine rotzfreche Generalpause alles in Frage.

Nach einem derart zeitlosen Stück das druckfrische Klaviertrio von Harrison Birtwistle zu spielen, ist ein lohnendes Wagnis. Die drei jungen Musiker entdecken lyrische Qualitäten in den abstrakten Motivpartikeln des Beginns, genießen die Mechanik des Mittelteils und arbeiten mit lustvollen Geigensticheleien und stampfenden Celloakzenten auch den gestischen Charakter des Werks heraus. Mit der Diskretion des Begleiters startet Tim Fellner zuletzt in Beethovens Erzherzog-Trio. Ob der Komponist es ihm gleich getan hätte, ist fraglich, aber die Konzeption ist schlüssig und die gegenseitige Aufmerksamkeit so intensiv, dass man sich beim lässigen gemeinsamen Auspendeln der Bewegung vor dem Schlussakkorden verblüfft fragt, wie Menschen sich so intuitiv verstehen können. Carsten Niemann

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