KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

POP

Krähende Rebellion: Jan Plewka

singt Rio Reiser im Kesselhaus

Da ist nur eine Stimme im Raum: „Ich werde dich lieben bis zum Tod.“ Es ist die Stimme von Rio Reiser. Irritiert blickt man sich im Kesselhaus um. Nein, doch nicht Rio, es ist Jan Plewka, der mit Akustikgitarre singend durch die Menge zur Bühne läuft, im Theatermantel über weißem Schlabberhemd. „Halt dich an deiner Liebe fest“, ein Song von Rio Reiser und Ton Steine Scherben aus dem Jahr 1975. „Jan Plewka singt Rio Reiser“ heißt das Motto des Abends, und bei dem tosenden Jubel fragt man sich, wessen Fans sich hier versammelt haben. Die von Plewka, dem Sänger der seit den 90ern populären Band Selig? Oder die des 1996 verstorbenen Reiser, des Scherben-Gründers und „Königs von Deutschland“? Alle kommen hier zusammen, alle Altersgruppen, unterschiedliche Szenen, alle singen im Chor: „Keine Macht für niemand!“ Es war Reiser, der Anfang der 70er der deutschsprachigen Rockmusik eine eigene Stimme gab. Mit seiner unvergleichlichen Phrasierung, Berliner Dialektfärbung und einem krähend krächzenden Ausdruck zwischen Rebellion und Verletzlichkeit. Sowie seinen poetischen Texten, in denen er Träume nach einer besseren Welt so auszudrücken verstand, dass seine Songs heute noch mitreißen und berühren. Mit solider Band ist Plewka ein würdiger Bewahrer von Reisers musikalischem Erbe. Gut, dass er nie versucht, Rio Reiser als Theaterrolle vorzuführen, keine salbungsvollen Zwischentexte vorträgt, sondern mit ehrfürchtiger Distanz die Songs für sich sprechen lässt. Der Sturm und Drang des „Rauch-Haus- Songs“, die dunkle Rätselhaftigkeit von „Der Turm stürzt ein“, der treibende Zorn von „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ – gewonnen haben an diesen Abend alle. Rio Reiser, Jan Plewka und die Fans von beiden. H.P. Daniels

KUNST

Bunter Beton: Grieshaber und Köhler

in der Guardini-Galerie

Grau, hart, kalt – so wird Beton oft bezeichnet. Die Mischung aus Sand, Wasser und Zement steht für die Unwirtlichkeit der Städte. Der Bildhauer Friedemann Grieshaber aber baut aus Beton einladend wirkende Hausmodelle, ulkig in der Perspektive verzerrt, oder augenzwinkernde Totempfähle. Für ihn ist Beton ein Baumaterial, das flüssig gegossen wird und dann erstarrt. Die frohe Lebendigkeit des Schaffensprozesses wohnt seinen Stelen in der Guardini-Galerie inne (bis 24. Juni, Askanischer Platz 4, Di–Fr 14–19 Uhr). Gleich stellt man sich die bauchigen Betonmischer vor, die sich samstags im Süddeutschen vor fast jeder Garage drehen. „Blickfang“ nennt Grieshaber einen Totempfahl. Eine Höhlung verschlingt die Sicht des Betrachters. Komisch und würdevoll treten diese architektonischen Plastiken auf. Sie erden wohltuend die ebenfalls bei Guardini gezeigten Zeichnungen Jürgen Köhlers, die sich Altarbildern annähern. In flachen Räumen lässt Köhler die Zeit stillstehen wie Giorgio de Chirico auf seinen Plätzen. Das kippt manchmal ins Pathos. Wenn Köhler den Fuß des Gekreuzigten zeichnet, mit rotem Wundmal, dann fängt ein stabiler Betonpfahl von Grieshaber die Überhöhung auf. Berührungspunkte zwischen Zeichnung und Skulptur entstehen, wo Köhlers Landschaften sich in abstrakte Klänge auflösen. Die starren Heiligen aber wirken blutleer neben dem munteren Beton. Simone Reber

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