KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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FOTOGRAFIE

Auge in Auge: Micha Bar-Am

im Willy-Brandt-Haus

Über dem Berg Tabor Wolkenfetzen, in der Ebene davor Bienenstöcke, beschwert mit Feldsteinen. Am Horizont Soldatenfiguren, auf der Straße verstreute Ufos (also: Landminen). Im Luftschutzkeller turnen Kinder in Schlafanzügen, den Schnuller im Mund, durch dreistöckige Betten. Micha Bar-Am, geboren 1930 als Michael Anguli in Berlin, 1936 mit den Eltern nach Palästina geflohen, erzählt. Die Galerie des Willy-Brandt-Hauses präsentiert als Retrospektive den Orient dieses Magnum-Chronisten: „Insight“ (bis 21.5., Di-So, 12-18 Uhr). Im Tel-Aviv-Museum verharrt vor der ersten Picasso-Ausstellung des Landes eine gedrungene Kopftuch-Bäuerin, Auge in Auge mit der Abstraktion (1966). Nach der Landung sowjetischer Einwanderer spielt eine Schönheit am Flughafen Violine (1990). Kleinfamilie mit Katze und aufgesetzten Gasmasken ; Informanten der Armee, Gesichter unter Säcken verborgen. Das gesammelte Reisig auf dem Kopf der Frau in Gaza wölbt sich wie ein Erdball.

Der als „Goya Israels“ gerühmte Fotograf ergreift Partei. Am „Rufberg“ auf den Golanhöhen kontaktieren Araberinnen per Megafon Verwandte jenseits der Grenze. Schnappschüsse dokumentieren eine zufällige Mutter / Sohn-Begegnung im Krieg (1967): Umarmung; Soldat springt zurück zum LKW; Gesicht der Frau versteinert. „Der letzte Morgen des Jom-Kippur-Krieges“ zeigt ein Endspiel ohne Personen: Schwere Sessel im Palmengarten, ein umgestürzt brennender Tisch. Thomas Lackmann

KLASSIK

Schwarz und weiß: Vladimir Stoupel im Konzerthaus

„Sterben werd’ ich, um zu leben“, heißt das Motto der „Musik mit Mahler“ im Konzerthaus. Es umreißt die Suche nach spirituellen Auswegen aus der Todesangst, die den Komponisten kennzeichneten, dessen 100. Todestag begangen wird. Dazu passt das Programm, das Vladimir Stoupel für seinen Klavierabend ausgesucht hat, Werke des Abschieds, der Trauer und der Transzendenz. Und so erklingen die ersten pendelnden Basstöne in Franz Liszts „Funérailles“ wie finstere Glocken, rechtfertigen damit das extrem langsame Tempo. Doch die riesenhaft gesteigerten Oktavwirbel ertrinken im Pedalnebel. Größtmögliche Wirkung, überschwängliches Pathos strebt Stoupel auch in Alexander Skrjabins 1. Sonate an. Doch so ekstatisch dieser Komponist auch im Frühwerk schon aufzufassen ist, so ist ihm mit Extremen allein nicht beizukommen. Stoupel kennt ein massives Forte und ein gehauchtes Piano, doch kaum Zwischentöne. Allenfalls dem Finalsatz, einem totenbleichen Trauermarsch, bekommt die schwarz-weiße Monotonie. Schuberts letzte Sonate, dieses über der Trauer schwebende Wunderwerk, leidet unter Stoupels hemmungsloser Subjektivität. Willkür im mechanisch abgespulten Scherzo und im überhetzten Finale beim Versuch, Schubert mit donnernden Oktavpassagen in die Spätromantik zu beamen. Doch die Substanz dieser Werke ist unzerstörbar – stürmischer Beifall! Isabel Herzfeld

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