KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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Foto: dapd/Constantin
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KLASSIK

Himmlisch: Kremer und Barenboim

bei den Staatsoper-Festtagen

Es gibt eine Einsamkeit, in der sich der Künstler stellvertretend für sein Publikum von der Welt löst. Trotz seiner Entrücktheit baut sich ein Raum voller Spannung zwischen Podium und Parkett auf, ein tiefer Korridor für Erinnerung und Trauer. Gidon Kremer ist ein solcher Einsamkeitskünstler. Es kostet ihn keine spürbare Anstrengung, seine Zuhörer am Ostersonnabend aus der prallen Nachmittagssonne in das Schattenreich von Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ zu lotsen.

Kremers zarter Ton, der nicht um Aufmerksamkeit buhlt und sie deshalb unbedingt erlangt, entwickelt eine so große Autonomie, dass der Orchesterklang zum bloßen Echo der Welt wird. Ihre Schönheit, ihre Grausamkeit erscheinen nur mehr als Positionsleuchten auf einem unüberschaubaren Meer. Am Steuer der Staatskapelle steht ein Daniel Barenboim, der keinen Zweifel daran lässt, dass er derlei schon oft gesehen hat. Nur selten greift er tief ins Geschehen ein, dann kann bei Berg eine wehmütige Zärtlichkeit durch die Philharmonie wehen. Als rechten Festtagsbraten tischen Barenboim und seine Musiker danach Bruckners Dritte auf. Echten Heißhunger darauf kann man dem Dirigenten – zwischen seinen Walküre- und Wozzeck-Dirigaten – nicht nachsagen. Barenboim lässt viel hochwertigen Staatskapellen-Sound ablaufen und wird nur dann aktiv, wenn ein neues Energieniveau erreicht werden muss. Das hat mehr mit Motivationsarbeit als interpretatorischer Neugier zu tun. Ein Einsamkeitskünstler hätte die gewaltigen Räume Bruckners wohl aufschließen können, die ein ferner Maestro nicht betreten kann. Ulrich Amling

FILM

Höllisch: „Sanctum“ – Taucherkino

aus dem Klischeebaukasten

Hinter dem Verleihtitel „James Camerons Sanctum in 3D“ steckt ein dreister Etikettenschwindel. An dem Höhlenforscherdrama ist der „Avatar“-Regisseur nur als einer von fünf ausführenden Produzenten beteiligt. Dass Cameron seinen Namen für das B-Movie hergibt, dürfte wohl nur seiner Tauchleidenschaft und der Freundschaft zu Drehbuchautor Andrew White zu verdanken sein, mit dem er schon zwei Unterwasser-Dokus realisiert hatte.

1988 leitete White eine Höhlenexpedition, bei der der Eingang verschüttet wurde und die Eingeschlossenen von Rettungsleuten geborgen werden mussten. Ausgehend von der traumatischen Selbsterfahrung entwerfen White und Regisseur Alister Grierson nun ein Szenario, dass einen weniger glimpflichen Ausgang der Unterwassermission durchspielt. Aus dem Erste-Hilfe-Koffer für Drehbuchautoren werden eine kriselnde Vater-Sohn-Beziehung und ein paar Aushilfscharaktere gefischt, und schon macht sich der Trupp unter Leitung des beinharten Höhlentauchers Frank McGuire (Richard Roxburgh) auf die Suche nach einem Unterwasserausgang. Nach dem „Zehn kleine Taucherlein“Prinzip wird das Team sukzessive dezimiert. Mit Figuren und Dialogen aus dem Klischeebaukasten wird der Trip auch im bequemen Kinosessel zur schmerzhaften Grenzerfahrung. Wie schön, wenn die Beteiligten ihre Tauchermasken wieder aufsetzen und statt großer Worte echte Luftblasen produzieren.Martin Schwickert

ROCK

Heiß: 19 Bands beim

Friction Fest im Berghain

Metal, Monster, Mutationen – so könnte der Untertitel des Friction Fests lauten, das an zwei Tagen 19 Bands präsentiert, die sich auf allerlei Art um eine Weiterführung des Begriffs heavy bemühen. Diesmal findet die Sache im Berghain statt, das mit seiner tollen Soundanlage eine exzellente Beschallung garantiert. Nachdem am Vortag Electric Wizard mit psychedelischem Doom-Metal offene Türen zum Vorhof der Hölle eingetreten haben („Tu mal Nebel drauf!“), bringen Earth am Karfreitag eine instrumentale Musik zum Vortrag, die wie ein Italo-Westernsoundtrack tönt, der zu lange in der Sonne gelegen hat. Düstermusik für einsame Reiter, die mit einem Sarg durch das Tal des Todes ziehen. Ein zähes Leben, perfekt verkörpert durch Anführer Dylan Carlson, der seiner Gitarre ein knochentrockenes Vibrato entlockt, das auf wundersame Weise mit dem verhallten Schleppschlagzeug von Adrienne Davies korrespondiert, während zwei Frauen am Bass und Cello sowie ein Mann an der Posaune für zusätzliche Gänsehaut sorgen.

Sechzig Minuten dauert der Auftritt der Band aus Seattle, die sich Anfang der Neunziger nach der ersten Inkarnation von Black Sabbath benannte. Mit ultraverlangsamten, tief runtergestimmten Drone-Metal-Riffs schuf sie eine Musik, die ihre Breitenwirkung erst heute so richtig entfaltet: Jeder Ton wird in Zeitlupe zum Ausdruck grandioser Ruhe erhoben, bis eine monumentale Soundlandschaft entsteht. Je weiter der Zuschauer alias Zuhörer in sie vordringt, desto breiter wird die Welt von Earth, in der uramerikanische Träume zur mythischen Klangfarbe werden. Echt heavy! Volker Lüke

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