KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Weite: Landesjugendorchester Berlin im Konzerthaus

Das Tutti schwillt an wie die aufgehende Sonne über den Bergen, um gleich danach in grazil getupfte Flötentöne überzugehen. Sie lachen, als seien sie einem georgischen Volkstanz entsprungen. Der Beginn des dritten Satzes von Aram Chatschaturjans Violinkonzert – Allegro Vivace – ist bezeichnend für das ganze Werk: vielgestaltig wie die Landschaft, der der Komponist entstammt, voller kaukasischer Weite und Sehnsucht. Solistin Alina Weidlich hat den Violinpart für Flöte umgeschrieben und bewältigt im Konzerthaus einen Tonumfang, für den der Geiger vier Saiten zur Verfügung hat. Das gelingt ihr oft elegisch schimmernd und fein, in manchen Passagen rutscht der Klang aber ab ins Undefinierte, hat zu wenig Substanz. Für das Landesjugendorchester Berlin ist dieses Konzert die Krönung der ersten von zwei jährlichen Probephasen. Hier spielen Musiker von 14 bis 25, die nicht alle Profis werden wollen. Das hört man nicht: Schlank und homogen ist der Streicherklang. Das Blech tönt hingegen schwergängig. Mit James Levines Assistentin Shi-Yeon Sung am Pult gelingen subtile Temporückungen, die man der harten Gestik, mit der sie dirigiert, zunächst gar nicht zutrauen würde. So tanzen schon bald die grotesk verfremdeten Klängen und camouflierten Themen von Dmitri Schostakowitschs erster Symphonie wie Kobolde vor den Zuhörern. Schostakowitsch war, als er das schrieb, übrigens erst 19. Auch er hätte gut im Landesjugendorchester sitzen können. Udo Badelt

POP

Schnappmäuler und Plastikknochen: Bodi Bill im Lido

Das Prinzip erinnert an James Browns Shows im Apollo Theatre oder an Michael Jacksons geplanten Sommerspielplan 2009 in London: Vier Abende am Stück spielt das Folk-Elektro-Trio Bodi Bill im Lido. Normalerweise bucht man bei der Nachfrage einen größeren Club. Aber die Berliner wollten es für ihre Heimauftritte intim haben. Der Nachteil dieses schönen Konzepts enthüllt sich bei der ersten Ausgabe am Montag: Es fehlt Spannung. Und auf die Herstellung von Spannung verstehen sich Bodi Bill doch eigentlich so gut, auf prekäre Glücksmomente, balanciert auf kammermusikalischen Melodiebögen über den Schnappmäulern bratzender Synthie-Bässe. Wenn die drei sich im Lido über einen Laptop beugen, wirkt es allerdings, als schauten sie sich und der Software bei der Arbeit zu, nach dem Motto: Morgen ist auch noch ein Tag. Sänger Fabian Fenk schwenkt zur Eröffnung einen riesigen Plastikknochen und tanzt dann im Medizinmann-Federschmuck, aber die Nummer zündet nicht so richtig. Alex Amoon legt ab und zu die Geige an, aber den Virtuosen in sich lässt er nicht raus.

Licht- und Klangtechniker lenken Handschrift-Projektionen auf Leinwand und Röhrenfernseher, die mit der Alufoliendeko den Eindruck einer verstrahlten Do-it-yourself-Disco ergeben, ein Berlin-Aroma, das irgendwann auch zur Masche wird. Die Band hat ihr drittes Album „What?“ dabei, das pluckernde Achtziger-Synthies im Midtempo aneinanderreiht wie die Junior Boys und hinter der Vielschichtigkeit des Vorgängers zurückbleibt. Live aber gut: „Pyramiding“. Wie immer werden die alten, mit Erinnerung aufgeladenen Songs mehr gefeiert, wie „I Like Holden Caulfield“, das in Synthiesägen überführt wird, oder „Willem“, das als Rausschmeißer in der zweiten Zugabe die meisten zufriedenstellt. Als Vorpremiere geht das durch. Kolja Reichert

KLASSIK

Brahmsisch: die Spectrum Concerts im Kammermusiksaal

Johannes Brahms’ Klavierquintett op. 34 ist der kompositorische Höhepunkt im Ostermontagsprogramm der Spectrum Concerts Berlin – und zugleich das schwierigste Stück des Abends. Denn bevor es in dieser Gestalt Gnade vor den Augen des skrupulösen Meisters fand, hatte es mehrere Metamorphosen als Sonate für zwei Klaviere, als Klavierkonzert und als Symphonie durchlaufen. Entsprechend heikel ist die Balance zwischen Streichern und Klavier. Pianistin Katya Aspekisheva wahrt sie vorbildlich, mit energischem Zugriff in leidenschaftlich aufbrausenden Arpeggien, mit einem klaren Bassfundament und umgekehrt zartester Zurücknahme, wenn den Streichern das thematische Geschehen anvertraut ist. Die nähern sich Brahms mit kontrollierter Emphase, die sie bei aller orchestralen Klangfülle doch weniger individuell hervortreten lässt. Hartmut Rohde setzt hellstimmige Bratschenakzente, Frank Dodge am Cello sorgt für sonore Übergänge.

Brahms gibt auch noch den Grundton für Ernst Tochs frühe Violinsonate von 1913 vor. Annette von Hehn erfüllt sie mit silbrigem Charme und transparenter Leichtigkeit. Noch brahmsischer geht es in Alexander Zemlinskys Trio für Klarinette, Violincello und Klavier von 1895 zu. Der unvergleichliche Lars Wouters van den Oudenweijer gibt ihr genau das melancholisch-pastorale Flair leicht ungarisch gefärbter Melodik, das sich mit Dodges schlanken Cello-Linien delikat verbindet. Befreiend, wie sich das Trio für Klarinette, Violine und Klavier von Aram Khachaturian diesem ganzen Romantik-Zauber entringt. 1930 wagt der armenische Komponist eine Symbiose von Jazz und Folklore, eine Art Bartók-Gershwin-Mischung, die sich mit Oudenweijers Beweglichkeit und der eindringlichen Tongebung des Geigers Boris Brovtsyn ebenso meditativ wie in rasanten Rhythmen ausspricht. Isabel Herzfeld

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