KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

SHOW

Pränatal: Meret Becker

macht Krach im Tipi

Gewitter überm Tipi-Zelt, Camping- Atmo. Die Band heißt The Tiny Teeth. Ein Monsterhase klimpert am Miniklavier, trinkt Wein, pafft. Zwei Lagen Eier werden an die Rampe getragen. Eine Säge singt. Meret Becker trägt Hotpants, Strass-Hosenträger, später ein rüschiges Seidentrikot. Zum Rezeptmix des nachösterlichen Poeticals, das die Gesamtkunstwerkerin unter dem polyglotten Wortspieltitel „berliNoise“ (Krach mit Berlinerin?) vorführt, gehören samt hübsch collagierten Songs und Klängen auch eine australische Cellistin, ein Schweizer Glasharfen-Akkordeon- und Pianomeister sowie zwei Tonkünstler von Ars Vitalis. Mit diesen Musik-Clowns hat Frontfrau Becker oft schon Kirmesträume inszeniert, ohne ihrer Antwort auf die Frage, ob sie nun, zur Erwachsenen gereift, Clown oder Sängerin sein will oder weiter Lolita-Akrobatin, irgendwie nahezukommen. Im Eiertanz übers Hochseil dieser Ungewissheiten verpuffen auch Ideen ihrer neuen Show.

Nicht die Kommunikation des respektablen Schauspieltalents mit seinem Publikum, sondern die kindliche Tingeltangel-Sehnsucht, alles gleichzeitig zu dürfen und dabei zentral zu glänzen, ist der Kraftstoff des Unternehmens (bis 1.5. im Tipi). Als Marlene im Nerz gurgelt die Denkmalschänderin, von Schlucken aus der Gin-Pulle unterbrochen, „La vie en rose“. Später rollt sie sich zum Walzer triste pränatal in einen Reifen, der unterm Zeltdach schaukelt; öffnet ihre Haare. Dann wieder raunzt sie ins Mikrofon. Manche ihrer Stimmen mag man ihr ja glauben. Ob sie das Girlie-Piepsen à la Edith Hancke eines schönen Tages einfach bleiben lässt? Thomas Lackmann

KLASSIK

Tröstend: Ein Benefiz-Konzert

in der Philharmonie

Diese wunderbar homogen und agil phrasierenden Stimmen. Dieser unendlich leise verdämmernde Klang. Die bloße Anwesenheit des Kammerchors „Credo“ aus Kiew beim IPPNW-Benefizkonzert in der Philharmonie zum 25. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe rückt die Verhältnisse zurecht: Aus der Ukraine kommt Besseres als tödliche Strahlung. Voller Trost, Trauer und Schönheit sind diese liturgischen Gesänge und religiösen Kantaten. Was folgt, ist weniger ein Konzert als eine Lesung mit Musik. Therese Affolter und Christian Brückner mit seiner raunenden, mythosdurchfurchten Stimme rezitieren Texte von Augenzeugen, sie erzählen vom Feuer am Himmel von Pripjat, von hastig verlassenen Häusern, von dem schönen jungen Paar, dessen Sohn einen Mund hatte, der bis zu den Ohren ging. Es sind bewegende und entsetzliche Texte, aber sie fragmentieren den Abend auch.

Schostakowitschs Kammersymphonie op. 110a – gespielt von Streichern der Berliner Philharmoniker – wird nach jedem Satz für die Lesung unterbrochen. Erst die zweite Hälfte gehört ganz der Musik und der Staatskapelle. Japan, das an diesem Abend immer mitgedacht ist, wird durch Toru Takemitsus flächiges Requiem vertreten. Der Petersburger Dirigent Andrey Boreyko lädt Tschaikowskys „Pathétique“, kaum vorstellbar, mit noch mehr Pathos auf, als sie ohnehin schon hat. Die Attacken, etwa der Schlag zum Beginn der Durchführung des ersten Satzes, gelingen furios. Im letzten Satz – Adagio lamentoso – kehrt dann mit breit auskomponierter Ruhe und innig schimmerndem Schmerz die Anfangsstimmung zurück, die der Kiewer Chor geschaffen hatte. Ein Kreis schließt sich. Udo Badelt

POP

Rätselhaft: The Books

in der Volksbühne

Wer zu Hause noch alte Tapes oder Videokassetten rumliegen hat, sollte sie nicht achtlos wegwerfen, sondern The Books schenken. Die machen garantiert was Tolles daraus. Seit zehn Jahren schraubt sich das Bastler-Duo aus New York eine Musik zusammen, die unbeschwert Folk-Elemente mit seltsamen Geräusch- und Vokalschnipseln von alten Tonbändern, Anrufbeantwortern oder VHS-Kassetten verbindet, die sie sich im Laufe der Zeit zusammengestöbert haben. Ihre Fundstücke benutzen sie auch für sehr schöne Synchron-Videos, die bei ihrem Auftritt in der Volksbühne eine tragende Rolle einnehmen. Dass man eher das Gefühl hat, im Kino als auf einem Konzert zu sein, liegt aber auch an der Zurückhaltung der Musiker, die freundlich vor der Leinwand sitzen: Paul de Jong am Brummelcello, Nick Zammuto am Knupperbass oder Akustikgitarre und ein dritter Mann als Verstärkung an Keyboard, Gitarre oder Violine.

Wenn sie nicht völlig krudes Zeug von einem New-Age-Meditationsvideo („Your body is now a glass container“) oder wie in dem wunderbaren „A Cold Freezin’ Night“ bösartige Kinderstimmen („I’m gonna kill you – asshole“) als Gesang einsetzen, schwebt Zammutos Flüsterorgan über die liebevoll montierten Klanggebilde, die mit locker geschlagenen Percussionloops unterfüttert sind. Dabei wird für siebzig Minuten eine beeindruckend dichte Stimmung durchgehalten, bei der nicht nur eine großartige Version von Nick Drakes „Cello Song“ entsteht (als letzte Zugabe gespielt), sondern auch hypnotische Grooves, Melancholie, Poesie und systematischer Nonsens – ständige Erinnerung daran, das es außerhalb der Musik noch andere rätselhafte Dimensionen gibt. Volker Lüke

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