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BLUES

Wahre Liebe: Hugh Laurie

in der Passionskirche

Warum sollte man das Konzert eines musizierenden Schauspielers besuchen? Für die Fans von Hugh Laurie, der durch die Hauptrolle in der US-Serie „Dr. House“ einer der berühmtesten und bestverdienenden TV-Stars der Welt geworden ist, stellt sich diese Frage nicht: So nah wie in der ausverkauften Passionskirche werden sie ihrem Idol selten wieder kommen. Schon das neckische Tänzchen, mit dem der 51-jährige Brite durch den Mittelgang groovt, um sich in ironische Triumphposen zu werfen, sorgt für spitze Schreie des Entzückens. Laurie ist kein gelangweilter Feierabend-Rocker, seine Liebe zur Musik wirkt tief empfunden. Das gerade erschienene Album „Let them talk“ ist eine Hommage an die reiche Musiktradition von New Orleans.

Zur Tournee hat er fünf Cracks angeheuert, die mehr als nur Taktgeber für Lauries launisches Spiel an Klavier und Schrammelgitarre und seinen variationsreichen Gesang sind. Die Interpretationen klassischer Songs von Jazz- und Blues-Legenden wie Jelly Roll Morton, Louis Armstrong oder Champion Jack Dupree gewinnen durch den raubauzigen, von brillanten Gitarren- und Bläsersoli befeuerten Sound eine die Jahrzehnte überbrückende Dringlichkeit. Lauries kleine Anekdoten zu den Songs sind ein Genuss. Natürlich könnte man auch im Netz nachlesen, dass dem Bluesmusiker Leadbelly wegen seiner ergreifenden Lieder gleich zwei Haftstrafen erlassen wurden. Doch viel lieber hört man es von einem eloquenten Märchenonkel. So bleiben die anderthalb Stunden eine rundum positive Überraschung. Und was er seinen treuesten Fans schuldig ist, weiß Laurie auch und stellt sich nach dem Auftritt der Traube von Autogrammjägern.Jörg Wunder

ELEKTRO

Höhere Mathematik:

Pantha du Prince im Berghain

House mit Blasinstrumenten? Das Hamburger Duo Die Vögel stellt sich mit Trompeten, Flöten und Tuba hinter den Laptop und verleiht dem Konzertabend im Berghain eine Festzelt-Färbung. Ein Gag, der schnell verpufft. Die Arrangements sind rein additiv gedacht und die Instrumente illustrieren die programmierte Musik nur, die auch ohne Beigabe funktioniert hätte.

Mit komplexerer Mathematik rechnet Hauptact Hendrik Weber alias Pantha du Prince, der neulich für seinen eleganten Schneekugel-Elektro den Echo-Kritikerpreis bekommen hat. Bevor der warme Beat einsetzt, fegt minutenlang nur Rauschen durch den Raum, als kehre Weber Kristalle zu immer neuen Formen. Eine Wahrnehmungsübung wie die Musik, die so viel Platz für Details und Dynamik lässt wie Klassikproduktionen. Im Berghain erhalten die filigranen Beats einen breiteren Bass. Zum Ausgleich spielt Weber die fantastische „Funktion One“-Anlage aus, um den Raum zu weiten. Es knackt und knistert aus den Ecken wie Schritte im Tiefschnee, zerstäubte Handclaps streichen um die Ohren. Dazu verwandelt ein rotierender Ventilator den Raum in ein abstraktes Schattentheater, eine Hommage an den historischen „Licht-Raum-Modulator“ von László Moholy-Nagy. Die Maschine rückt den Fokus vom Performer, mechanische und biologische Aktivität reflektieren und relativieren sich. Mit minimalen Variationen führt Weber durch zwei gespannte Stunden, das Publikum begrüßt raunend und jubelnd die Motive bis zum ausgedehnten Finale mit der Single „Stick To My Side“. Kolja Reichert

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