KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von
Im Grünen. Bewohnerin Sarah. Foto: S.Kolbe
Im Grünen. Bewohnerin Sarah. Foto: S.Kolbe

KLASSIK

Rar & wahr: Gil Shaham beim

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Das Projekt des Geigers Gil Shaham, mit Mark Janowski und seinem Rundfunk- Sinfonieorchester an drei Abenden drei verschiedene Violinkonzert aus dem Jahr 1939 vorzustellen, gehört zu den dramaturgischen Highlights dieser Berliner Konzertsaison. Zwischen dem Werk von William Walton und jenem von Bela Bartok (das am 10. Juni folgt) bricht der amerikanische Virtuose am Freitag eine Lanze für seinen Landsmann Samuel Barber: „Seifenkonzert“ nannte der Komponist selbstironisch den 22-Minüter – weil er im Auftrag eines Waschmittelfabrikanten entstanden war. Eloquent bis zur Redseligkeit gibt sich hier der Solist, im kreiselnden Perpetuum-Mobile-Finale wie auch in den lyrischen Sätzen, wo ihn üppige Klangwogen umspülen, die gerne auch mal hollywoodhaft aufrauschen. Weil Gil Shaham mit Vehemenz für das Werk eintritt, weil auch das Orchester so engagiert bei der Sache ist, lauscht man dieser Rarität zumindest mit Wohlwollen.

Viel interessanter ist das andere amerikanische Stück des Abends, die „New England Holidays“, von 1897 bis 1913 geschaffen vom autonomen Avantgardisten Charles Ives: Genuine Bürgerschreckmusik, vier sinfonische Dichtungen über wichtige US-Feiertage, die stets mit einem Gären im Orchester beginnen, einem dissonanten Reiben und Scheuern. Dann aber wirft Ives seine große Stilmischmaschine an und bekannte Unterhaltungsmelodien ein – die dort zum allgemeinen Gaudium polyrhythmisch-kakophonisch geschreddert werden. Musik, die jedem US- Patrioten die Nackenhaare in die Horizontale treibt – und die Marek Janowski mit dem RSB genauso trockenhumorig exekutiert, wie der Komponist sie gemeint hat. Chapeau! Frederik Hanssen

THEATER

Prekär: „Da ham wir den Salat“

in der Vaganten-Bühne

Den entwürdigenden Auftrag können die Schauspielerinnen Kathy und Annie nicht ablehnen. Sie brauchen Geld, und das ist ihre einzige Gemeinsamkeit. Als Tomate und Spargel werden sie ins Rennen geschickt – für Werbung also, auf niedrigstem Niveau. Sie müssen sich die Aufgabe schön reden, schön spielen. Volker Kühn hat sich „Da ham wir den Salat“ ausgedacht und mit Katherina Lange und Anna Böttcher auf die Bühne der Vaganten befördert. Neben dem Zickenkrieg in der Garderobe mit artigen Seitenhieben auf den zeitgenössischen Kulturbetrieb gibt es kluge Beobachtungen über soziale Konflikte, denen darstellende Künstler am Rande medialer Beachtung ausgeliefert sind. Kühn setzt auch auf Beharrungswillen und Tapferkeit der beiden Schauspielerinnen, sich durchzubringen. Das gibt der zunehmend in die Breite laufenden kleinen Geschichte doch einiges Gewicht. Katherina Lange ist die intellektuelle, von eitlem Jugendwahn gepackte und doch schon altjüngferlich angehauchte Kathy, Anna Böttcher die verpusselte, kindlich naive, scheinbar wehrlose und dann doch raffiniert tricksende Annie. Dem Gegeneinander der Figuren könnte allerdings mehr Schärfe gut tun (wieder am 3./4. Mai). Christoph Funke

FILM

Stark: die Jugendlichen-Doku

„Kleinstheim“

Die weitläufige Schlossanlage in SachsenAnhalt wäre eines Internatsfilms würdig. Doch gezaubert wird in Schloss Krottorf nicht. Auch Mitternachtspartys stehen kaum auf dem Programm. Im sogenannten Kleinstheim in einem Teil der Anlage sind acht Jugendliche untergebracht, die in ihren Familien nicht bleiben konnten: Die Schwestern Sarah und Nancy wurden zu Hause geprügelt. Adriano schlägt sich mit Drogenproblemen herum. Auch die anderen kommen aus harten Verhältnissen. In Krottorf haben sie ein Zimmer für sich – und Pädagogen, die versuchen, eine Spur von Zukunft in die verstörten Lebenswege zu bringen.

Dokumentarfilme mit Jugendlichen, die mit Boxtraining oder Tanz auf den rechten Weg gebracht werden, sind mittlerweile ein Subgenre, in dem die materiell auseinanderdriftende Gesellschaft lustvoll ihr Integrationspotential betrachtet. „Kleinstheim“ (im Kino Acud) ist anders. Denn die Berliner Stefan Kolbe und Chris Wright umgehen in ihrem dritten Film so diskret wie dezidiert die Mechanismen solcher Instrumentalisierung und vermeiden dabei die pädagogische Verbrüderung ebenso wie die institutionelle Anklage. Sie tun dies, indem sie sich auf die Fastnochkinder konzentrieren und erkunden dabei geduldig die Lebensräume zwischen Wohnhöhle und Beratungsstelle, Rapsfeld und Windrädern.

„Kein Heimfilm“ – so ausdrücklich steht es auf der DVD, die unüblicherweise bereits vor dem Filmstart im Netz (wright- kolbe-film.de) vertrieben wurde. Notgedrungen fast ohne Förderung produziert und auf den bedeutenden deutschen Dokumentarfilmfestivals in Leipzig und Duisburg gezeigt, hatte der Film es bei regulären Verleihern schwer. Tatsächlich, der oft geforderte Wohlfühlfaktor fehlt „Kleinstheim“, dafür bietet es empathisches und ästhetisch reflektiertes Dokumentarkino mitten aus unserer Welt. Silvia Hallensleben

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben