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FILM

Labyrinthisch: „Zehn vor elf“ erzählt

von einem Messie in Istanbul

Es muss heiß sein draußen, denn das Licht, das durch die schräg gestellten Lamellen der Jalousien in die riesige Altbauwohnung fällt, ist noch grell. Nur der Staub lässt es diffus erscheinen; der Staub, den Mithat Bey aufwirbelt, wenn er sich langsam, würdevoll zwischen seinen gestapelten Besitztümern bewegt. Der alte Mithat ist Sammler, man könnte ihn auch einen Messie nennen. Er wohnt allein in einem Stadtteil Istanbuls, in dem die Mieten ins Unermessliche gestiegen sind, weil die Ausländer alles aufkauften, was frei wurde. Mithats Wohnung wäre Gold wert, und das weiß sein Vermieter. Aber sie ist bis unter die Decke vollgestopft – mit Uhren, Taschenlampen, Tonbändern und Dutzenden von Jahrgängen von Zeitungen und Zeitschriften. Nur schmale Gänge führen durch sein Labyrinth. Die Statik!, jammert der Vermieter und schickt Gutachter. Die jedoch kapitulieren vor Mithats Starrsinn.

In ihrem 2009 fertiggestellten Spielfilmdebüt „Zehn vor elf“ (fsk am Oranienplatz) hat die Istanbuler Regisseurin Pelin Esmer Dokumentation und Fiktion verbunden: Ihr Onkel Mithat spielt sich selbst. Die Figur des Hausmeisters Ali wird von Nejat Isler verkörpert, einem Star des neueren türkischen Autorenkinos. Der Film zeigt nicht nur, wie Mithat in seiner Wohnung die Zeit einzufangen scheint, während sie draußen vergeht, sondern auch, wie sein Aktionsradius immer kleiner wird, während der Hausmeister den seinen erweitert. Der alte Mann schickt ihn in unbekannte Stadtteile, vor denen Ali sich fürchtet wie viele anatolische Dörfler. Doch er entdeckt die Stadt in ihrer ganzen monströsen Vielschichtigkeit und lernt, sich souverän in ihr zu bewegen. Der Film ist eine jener neuerer türkischer Produktionen, die den Zusammenprall von Kulturen und sozialen Schichten, Stillstand und Fortschritt individualisieren und paradigmatisch durchspielen – hier als einfühlsames Porträt eines Sonderlings.Daniela Sannwald

KLASSIK

Festlich: das Walpurgisnachtkonzert

in der Komischen Oper

Unter den festlichen Klängen einer barocken Ouvertüre hebt sich der Eiserne Vorhang der Komischen Oper – doch zu sehen ist nicht etwa die Bühne, sondern der im gedimmten Kronleuchterschein mattgolden glänzende Zuschauerraum. Denn auf der Bühne befindet sich das Publikum – mitten in Paul Zollers Bühnenbild zu „Pique Dame“, das einen aus der Zeit gefallenen Salon darstellt. Das neu gegründete, mehrheitlich aus Mitgliedern der Komischen Oper bestehende Barock-Ensemble La Capricciosa präsentiert zusammen . Zusammen mit Sängern aus Ensemble und Studio des Hauses zu mitternächtlicher Stunde Ausschnitte aus „The Fairy Queen“ – Henry Purcell hat das Festspiel anlässlich des 15. Hochzeitsjubiläums von William III. und Queen Mary um Shakespeares „Sommernachtstraum“ herum komponiert. So suggestiv der Ort auch ist, er fordert die feine Balance zwischen entspannt experimentellem Salonkonzert hinter den Kulissen und Inszenierung eines poetischen Walpurgisnachtstraums. Tomo Suago hat sich hierzu eine etwas unentschiedene Mischung aus Moderation und Shakespearezitaten einfallen lassen. So fallen die kleinen Intonationsmängel in dem frisch musizierenden Ensemble stärker ins Gewicht, als es bei einer bloßen Studioatmosphäre der Fall wäre. Besonders beim Gesang von Julia Giebel und Caren van Oijen sind die Eindrücke traumhaft genug, um den Walpurgisnachtkonzerten eine schöne Zukunft zu prophezeien. Carsten Niemann

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