KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Nach innen: Radu Lupu

im Kammermusiksaal

Wollte derzeit jemand einen Film über Johannes Brahms drehen, Radu Lupu wäre die absolute Idealbesetzung. Nicht nur als der Pianist von geradezu elefantösen Ausmaßen, der er ist, ein gigantisch-zärtlicher Eigenbrötler, nein, auch optisch. Wie er sich im Kammermusiksaal in den schlichten Stuhl vor dem Flügel plumpsen lässt, wie er meist angelehnt zu spielen beginnt, das bärtige Haupt wie in Erz gegossen, die Silhouette wie gestanzt, das atmet eine mächtige Aura und Autorität. Das Halbdunkel, in das der Rumäne das Podium tauchen lässt, tut hier ein Übriges: Die Bühne als Kokon, als Ort einer Séance, bei der die Hörer nur Geduldete sind.

Bei Schumanns Papillons op. 2 zu Beginn freilich scheint Lupu erst in Stimmung kommen zu müssen. Der Steinway klirrt und scheppert, und nicht wenige falsche Noten setzt es auch. Was soll’s. Bei den musikalisch hoch anspruchsvollen Bunten Blättern op. 99 dann greift die Magie, und sie tut es in überwältigender Weise. Wer ist verrückter, fragt man sich, der Komponist oder sein Interpret, wenn Lupu manche Temporelationen derart windschief in der Luft hängen lässt, unerlöst, schmerzverzerrt, dass man Schumann glatt für einen Expressionisten halten könnte. Und diese linke Hand! Eine Pranke wie ein Orchester, am eindringlichsten im ersten der fünf Albumblätter, einem umbrafarbenen Gesang, bei dem Lupu immer mal wieder einen Finger stehen lässt, schier vergisst. Schuberts große späte a-Moll-Sonate nach der Pause besitzt, bei allem Sinn fürs Liedhafte im Tragischen, allem berückenden Hörnerschall im Andante, nicht diese interpretatorische Konsequenz. Der Klassiker Franz Schubert leistet hier einen Widerstand, dem durch Exzentrik allein nicht beizukommen ist. Zwei Zugaben, großer Jubel. Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Nach Paris: die Akademie für

Alte Musik im Konzerthaus


Sie geht ans Herz, die Totenklage von Castors Geliebter. Das ersterbende Vibrato in der Stimme von Sunhae Im, ihr tonloser und doch inniger Gesang, dieser von Rameau in seiner Barockoper „Castor et Pollux“ auskomponierte Moment, in dem der Schmerz die Sprache verschlägt, das ist der berührendeste Moment am Mittwochabend im Konzerthaus mit der Akademie für Alte Musik. Eigentlich geht es um Telemann, um dessen „Orpheus“- Oper, die Liebe zum frankophilen Stil und seine Parisreise 1737/38. Die Akademie führt in dieser Saison die sechs Ouvertürensuiten auf, die Telemann als Visitenkarte für die Reise komponierte. Diesmal sind die F-Dur- und die g-Moll-Suite dran, zwei mit modischen Tänzen gespickte Anleitungen zur Schwerelosigkeit. Die Akademisten bringen sie mit beschwingter Eleganz zu Gehör, duftig, apart, mit abgefederten Schlüssen. Manchmal wünschte man sich’s etwas weniger vornehm.

Telemann wurde in Paris gefeiert. Den wegen seiner Modernität umkämpften Rameau hat er dort ebenso gehört wie Clérambaults populäre Kantaten, von denen die Akademie und Sunhae Im „La Muse de l’Opéra“ zu Gehör bringen. Die Sopranistin ist eine Meisterin der Feinsinnigkeit, sie hat eine ungemein wendige, grazile Stimme, mühelos in der Koloratur wie beim Modellieren einzelner Töne. Ihre Koketterie, ihre Anmut, ihr Furor bei der Rache-Arie der „Orpheus“-Oper haben es in sich. Vor der Pause hatte sie mit ihrer in Grüntönen changierenden, sich kunstvoll bauschenden Robe auch noch die Augen der Zuhörer verwöhnt.Christiane Peitz

AUSSTELLUNG

Nach New York: Radikaler Jazz

im Jüdischen Museum

Licht und Feuer gehen vom Wohnsitz Gottes aus; lange vor dem Killer-Reaktor gab es in der ukrainischen Stadt mal ein Shetl: „Auf den Gräbern unserer Vorfahren tanzt heute ein neuer Todesengel.“ Textzeilen der „Ballad of Chernobyl“ zeigen an der Eingangswand der Ausstellung „Radical Jewish Culture“ im Jüdischen Museum (Lindenstr. 9-14, bis 24.7.; tägl. 10-20 Uhr, Mo. bis 22 Uhr) das aktuelle Menetekel. Trotzdem wirkt die Unternehmung nostalgisch. Die Sehnsucht der vom Jüdischen Museum Berlin mit dem Pariser Schwesterinstitut realisierten Hommage richtet sich auf eine ferne Avantgarde-Blüte, deren zeitgenössischer Kontext – zwischen 1989 und dem 1995er-Jubiläum der Historisierung – kaum vermittelt wird. Umso liebevoller versammelt die Aufbruchsinszenierung Subkulturdokumente: zur Tapete gestyltes Notizzettel-Gekritzel, Schwarz-Weiß-Fotos, die Plattencover des bahnbrechenden Labels Tzadik, effektvollen Originalsound sowie Interviews und wilde Konzertfilme („für Epileptiker nicht geeignet“) in goldsamtenen Minikinos. Dass in diesen schalldichten Zellen weder gekifft noch gezecht wird, ist dem Museum kaum vorzuwerfen, demonstriert allerdings (Wandzitat: „Tell them to fuck off!“) das Dilemma geliehener Rebellenposen. Doch wer sich Lesezeit nimmt für diesen Hörbuchfilm und sein Begleitprogramm mit Auftritten ergrauter Radikalinskis, ahnt vielleicht, dass es jenseits von Marketing und Affirmation eine Welt aus Licht und Feuer gibt: die Kunst. Thomas Lackmann

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