KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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ROCK

Gut geschüttelt:

Metronomy im Lido

Aktuelle Pop-Entwicklungen verlaufen oft so fix, dass die träge Geschichtsschreibung kaum hinterher kommt. Für die englische Band Metronomy gibt’s noch nicht mal einen deutschen Wikipedia-Eintrag, aber ihr Auftritt im Lido ist selbstredend ausverkauft. Eine bunt gemischte Meute aus extra eingeflogenen Briten und internationalem Restpublikum bereitet dem Quartett aus Brighton einen lautstarken Empfang. Das lässt sich nicht lange bitten und zieht ein straffes 70-Minuten-Set durch. Angetrieben durch das effektive Getrommel von Anna Prior und den elastischen Bass von Gbenga Adelekan, entwickeln die kompakten Songs beachtlichen Dancefloor-Drive. Bandleader Joseph Mount, der vom New Musical Express mal als „freundlichster Mensch im Popbusiness“ bezeichnet wurde, balanciert mit tschikkernden Gitarrenlicks die aggressiv-melodischen Synthieschlieren von Oscar Cash aus – wenn er nicht gerade mit seinem eigenen und recht störrischen Analog-Synthie zu kämpfen hat. Der eklektische Sound von Metronomy – viel Synthiepop, etwas Retro-Garagenrock, dazu Hi-Energy-Disco und weißer Funk – ist nicht so wahnsinnig originell, kann sich aber im Referenzfeld zwischen Hot Chip und LCD Soundsystem behaupten. Als gut geschüttelter Stilmix treibt es dem Tanzmob allemal die Schweißperlen auf die Stirn.Jörg Wunder

KLASSIK

Farbig: Freiburger Barockorchester im Kammermusiksaal

So ändern sich die Zeiten: „Zu neu! Zu virtuos!“ protestierten die Anhänger des längst verstorbenen Jean-Baptiste Lully in Versailles, als Jean-Philippe Rameau auf den Plan trat. Lully, das war das Normale, Gewohnte. Heute ist es eher seine gravitätisch-gemessene höfische Repräsentationsmusik, die fremd und gewöhnungsbedürftig ist, während Rameau völlig gegenwärtig wirkt – so die wichtigste Erkenntnis aus dem Konzert des Freiburger Barockorchesters im Kammermusiksaal. Mit dem Tourneeprogramm „Les Splendeurs du Baroque“ wirft es einen interessanten Blick auf die Entwicklungsgeschichte der französischen Barockmusik.

Dass es neben den Fixsternen Lully und Rameau auch noch andere begabte Komponisten gab, zeigen die farbigen „Caractères de la danse“ von Jean-Féry Rebel und das Violinkonzert op.7 Nr. 5 von Jean-Marie Leclair. Alle Qualitäten der Freiburger sind da: Raue, ehrliche Darmsaiten, beherzte Celli, saftige Tempo- und Dynamikwechsel, Glanz ohne romantischen Schmalz. Véronique Gens singt mit ihrem immer von leiser Wehmut durchwebten, zart eingedunkelten Sopran die Kantate „Le dépit généreux“ von Michel Pignolet de Montéclair, der den perlenden Melodiereichtum des italienischen Stils in Mailand studiert hat – ein Einfluss, der sofort hörbar ist. Gens macht sich rar an diesem Abend, nur im Finale tritt sie noch einmal auf. Vorhang auf also für den „Dardanus“ von Rameau. Und die Lullistes hatten recht: Wie neu ist diese Musik, wie scharfzackig, dramatisch und bewegt – Theatermusik im besten Sinne! Willkommen in der Zukunft. Udo Badelt

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