KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Zündend: RSB mit Janowski und Michelle Breedt in der Philharmonie

Rund dreihundert Klavierlieder hat Max Reger komponiert, die heute meistenteils so vergessen sind wie die Dichter, deren Lyrik er vertont hat. Denn für seine Person als Komponist schwante ihm nicht zu Unrecht: „Goethe ist auskomponiert.“ Dafür hat er sich daran gemacht, Goethe-Lieder des verehrten Franz Schubert zu orchestrieren. Das Ergebnis „Gretchen am Spinnrade“ überzeugt weniger, weil die unentwegten Sechzehntel der Begleitung, vom Klavier in die freundlichen Violinen verlegt, ihre geniale Unruhe verlieren, paradoxerweise das Materielle, das im illustrierenden Surren des Spinnrades die Not des Mädchens manifestiert.

Die Gesänge des Harfners aus „Wilhelm Meister“ aber als einer Gestalt von antikem Format, von Dunkelheit und Größe, liegen der Interpretin Michelle Breedt ohnehin näher als der Mädchentyp Gretchen. Als Gastsolistin des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Leitung seines Chefs Marek Janowski exponiert sie hier ihren in allen Registern klingenden Mezzosopran, um die Aura einer Tragödin zu suchen: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß.“

Zum episch-lyrisch-dramatischen Höhepunkt, auch der Orchesterfarben, wird die Ballade vom „Erlkönig“. Der Erzähler, der Vater, das Kind in seiner Angst, der gespenstische Geist – vier Stimmen, gegen einander abgesetzt und zusammen gezwungen: Das zündet! Dementsprechend wird die Sängerin aus Südafrika in der Philharmonie gefeiert.

Marek Janowski hat mit der vokalen Rarität von Schubert/Reger ein ganzes Schubertprogramm aufgelegt. Mit dem Silberstift gezeichnet, respektabel und fein, erklingt die dritte Sinfonie, während die „Große“ C-Dur den Dirigenten erstaunlich aus sich herausgehen lässt.

Nachdem er in Übereinstimmung mit den Musikern jede „himmlische Länge“ der Komposition melodisch deklamiert, kontrolliert, begrüßt und umarmt hat, forciert er voller Hingabe den finalen Schwung der Musik. Große Freude auch im Orchester. Sybill Mahlke

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Grenzwertig: das Kronos Quartet

im Kammermusiksaal

Es ist ein wunderbar buntes Publikum, das von der Alla-turca-Konzertreihe angelockt in den Kammermusiksaal strömt. Kopftücher neben Trekkingsandalen, Handtaschen, die mit gewaltigen Blumenbouquets konkurrieren, Familienclans neben einzelgängerischen Musikethnologen. Die Einladung der Philharmonie zum musikalischen Dialog mit Gästen aus verschiedenen Welten findet heiteren Zuspruch. Wenn sich mit dem Kronos Quartet gar Pioniere im Überschreiten kultureller Grenzen angesagt haben, gesellen sich auch noch ein paar kalifornische Althippies hinzu.

Hunderte von Werken haben die Kronos- Musiker in beinahe 40 Jahren Quartettspiel in Auftrag gegeben und uraufgeführt. Dabei haben sie auf der Suche nach Inspiration und Austausch mehrfach den Erdball umrundet. Irgendwann hörten die Musiker um Primarius David Harrington die Stimme von Alim Qasimov, dem Bewahrer des aserbaidschanischen Mugam-Gesangs. Eine Stimme, die aus dem Schneidersitz zum Himmel strebt, getragen von einer allein mündlich überlieferten Tradition und dabei doch immer frei, den Augenblick mit Improvisationen zu feiern. Doch bevor Alim Qasimov und seine Tochter Farqane ihre Stimmen erheben können, markiert das Kronos Quartet das Terrain. Von New York bis Mexiko reicht ihre Auswahl aktueller Americana für elektronisch verstärktes Streichquartett. Ein verstörend schwacher Minimal- Ethno-Soundtrack-Clip, der vor geborgtem Pathos nicht zurückschreckt und Eigenständigkeiten eingemeindet. Danach singen die Qasimovs, begleitet von ihrem Ensemble, ein homogenes, bewegendes Set, das dramaturgisch pointierter präsentiert hätte sein können.

Nach der Pause dann musiziert man endlich zusammen, Kronos streng nach Notenlage ihres Arrangeurs, die Qasimovs gebunden an einen anlehnungsbedürftigen Streicherklang. Das klingt opulenter, freier klingt es nicht. Nach fast drei Stunden ist das Konzert zu Ende. Der Dialog könnte jetzt beginnen. Ulrich Amling

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