KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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ROCK

Verrenkung: Kurt Vile und Akron/Family im Festsaal Kreuzberg

Schräge-Vögel-Alarm im Festsaal! Zuerst Kurt Vile & The Violators: langhaarige Typen, die aussehen wie versprengte Westcoast-Hippies. Als Drei-Gitarren-Armada plus Drummer klingen sie wie der brachiale Proto-Grunge von Dinosaur Jr. Fünf Jahre später entstand aus dieser Ursuppe das Pop-Phänomen Nirvana. Sollte man also bis 2016 im Auge behalten.

Statt langhaarig und bartlos sind Akron/Family kurzhaarig und vollbärtig. Also eher dem intellektuellen Weird-Folk zuzuordnen. Doch Zuschreibungen versagen bei dem Trio aus New York. Denn die Musik ist, milde ausgedrückt, ganz weit draußen. Mit betörenden Satzgesängen deutet sie an, dass sie Folk-Hymnen wie die Fleet Foxes spielen könnten. Doch sie haben anderes vor. Zum Beispiel das Publikum durch viertelstündige Krautrock- Expeditionen mit Splittergitarre und Stimmbandexzessen zur Raserei bringen. Zwischendurch gibt’s ein bisschen Kraftsport, als Bassist und Sänger Miles Seaton einen Gast kopfüber schultert und durch die Menge bugsiert. Später klingen sie wie das legendäre Powerrock- Trio Cream. Nur dass Gitarrist Seth Olinsky über die Saiten huscht, als wären Eric Clapton drei zusätzliche Finger gewachsen. Momente anarchischer Wildheit wechseln mit sanften Folk-Passagen, Sampler-Geknurpsel mutiert zu heidnischen Tanzritualen. Dennoch überfordert dieser Free Rock nicht, weil er auf soliden Songfundamenten ruht. Als Zugabe intonieren die drei Berserker schweißgebadet einen A-Capella-Gospel. Zum Davonschweben schön. Jörg Wunder

KLASSIK

Verflüssigung: Pietari Inkinen und Yuja Wang bei der Staatskapelle

Wie Tauchbecken im Spaßbad, so fühlen sich die drei Stücke an, mit denen der junge Finne Pietari Inkinen in der Philharmonie seinen Einstand bei der Staatskapelle gibt. Los geht’s im eher lauwarmen Wasser von Sibelius’ 7. Symphonie, Inkinen schärft die Tempi des einsätzigen Stücks nicht an, schafft es aber trotzdem, aus den schwebenden Klangwolken markante Strukturen herauszuarbeiten.

Dann der Sprung in den Whirlpool: Yuja Wang, auch sie Berlin-Debütantin, gibt sich der sprudelnden, atemberaubend virtuosen Solopartie von Prokofjews drittem Klavierkonzert mit Zaubergriffen hin, mit Händen, die einanderen umschwirren wie Schmetterlinge. Wunderbar, wie sie dem Steinway auch in den erbarmungslosesten Passagen nie pauschal weggeworfene Klänge entlockt, sondern immer prägnant und akzentuiert, warm und durchpulst bleibt. Das letzte Becken ist richtig heiß: Strawinskys „Sacre du printemps“, dieser Urknall der Moderne, von Inkinen flirrend und farbenreich dirigiert, mit weicher, fließender Gestik, gefühlvoll und doch zupackend. Zieht das Tempo an, bekommt sein Ausdruck zwar etwas Roboterhaftes, so als wolle er noch die letzte harmonische Wendung körpersprachlich nachzeichnen – was soll’s, das Klangergebnis ist beeindruckend: Gewaltige, barbarische Striche, schweres Blech, scharfes Holz, schaufelnde Rhythmen, schockhafter Stillstand, sofortige Verflüssigung. Wechselbäder der Gefühle. Udo Badelt

FOTOGRAFIE

Verzweiflung: „Über Mädchen“ von Gitta Seiler in der Galerie Pankow

Was dem Mädchen, dessen Po unter dem T-Shirt hervorlugt, gleich widerfahren wird, ist nicht zu sehen. Nur die Frau auf der Liege und die Schüssel mit rötlichem Inhalt davor geben eine Ahnung davon, wohin sich der Teenager von der Krankenschwester führen lässt. Die Frauen bleiben namen- und gesichtslos. Die Szene ist Teil der Reihe „Abgetrieben“, einer von vier Zyklen, die die Berliner Fotografin Gitta Seiler seit 2002 geschaffen hat und die nun in der Galerie Pankow hängen (Breite Str. 8; bis 11.6.; Di–So 14-20 Uhr). Der Titel „Über Mädchen“ verrät zugleich den Anspruch der Ausstellung, nicht nur Fotoreportagen über Einzelschicksale abzuliefern. Die Serien zeigen die Situation junger Strafgefangener, ungewollter Mütter oder die Welt einer Ausreißerin. Zu sehen sind lediglich Ausschnitte, Alltagsschnipsel, erhaschte Wirklichkeitsfetzen, die umso aussagekräftiger sind.

Die schwierigen Lebenssituationen versucht die Arno-Fischer-Schülerin auch im Arrangement zu spiegeln: Während der Gang in die St. Petersburger Abtreibungsklinik als Geschichte mit Anfangs- und Endpunkt erzählt ist, sind die Szenen aus dem Leben der Dortmunder Ausreißerin als Quadrat ohne Ausweg, als zusammenhangslose Ansammlung ewig wiederholter Momente angeordnet. Und obwohl sich hier die Wirkung der Schwarz- Weiß-Fotos im dicht gedrängten Bilderblock eher verliert, öffnet Gitta Seiler doch den Blick für junge Frauen am Rande der Gesellschaft. Nantke Garrelts

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