KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Subtil: das Mandelring Quartett

im Kammermusiksaal

Eigentlich ist es ja kein Kompliment für einen Musiker, wenn man sich darauf freut, dass er aufhört. Aber beim Mandelring-Quartett ist das anders: Das Ensemble, das sich in den letzten Jahren an die Spitze der deutschen Streichquartette gespielt hat, legt im Kammermusiksaal gleich eine ganze Reihe derart schwebender und doch spannungsgeladener Satzschlüsse hin, dass dem atemlos lauschenden Zuhörer regelmäßig die Hand zuckt, um den Stecknadeltest zu machen.

Schlüsse von solcher Wirkung sind natürlich immer eine logische Folge des zuvor Gehörten. Die leise Spannung des Abends, der den Komponistenfreundschaften zwischen Janácek, Dvorák und Brahms gewidmet ist, entwickelt das Quartett aus einer Haltung, die grelle Effekte vermeidet: Während sich bei Dvoráks Es-Dur-Quartett op. 51 noch darüber streiten lässt, ob durch die Betonung der klassischen Tradition die volkstümlich-populären Momente nicht zu stark abgefedert sind, wirken die Spieler im Folgenden bei sich selbst: In Janáceks 1. Streichquartett, das auf Tolstois Kreuzersonate Bezug nimmt, sind Leidenschaft und Resignation sowie die beständigen Wechsel zwischen Klangfarben, Tempi und Satzstrukturen subtil ausbalanciert. Brahms 2. Streichquartett interpretiert man ebenso konsequent wie überzeugend im Geiste der Wörtchen „moderato, non troppo, non assai“, die der Komponist warnend zu jeder Satzbezeichnung hinzugefügt hat. Und so ist es ein guter Schluss, als Cellist Bernhard Schmidt vor der Zugabe ankündigt, dass man die Streichquartettreihe im nächsten Februar fortführen werde. Carsten Niemann

ROCK

Allerbeste schlechte Laune:

The Fall in der Maria am Ostbahnhof

The Fall erinnern an schöne Zeiten ohne Schlaf, ein Leben ohne Gesetz: Es gibt keine Schrift, die Geschichte ist tot und von Ferne raunzt einen Mark E. Smith an, der Nietzsche-Fan und Dickschädel, den manche für einen notorischen Nörgler halten, der nur seine schlechte Laune in Musik umsetzt, während Kenner wissen, das der Mann aus Manchester im Zustand erleuchteter Gnade werkelt. Seit über 30 Jahren veröffentlicht er mit The Fall regelmäßig Alben, von denen man mindestens ein Dutzend haben muss. Was umso erstaunlicher ist, wenn man weiß, das der Querkopf die Plattenfirmen wie seine Hemden wechselt und den Bandmitgliedern schon mal Prügel androht. Der Alt-Fan indes, auch keine simple Seele, fühlt sich verstanden und ist in großer Zahl ins Maria gekommen, das mit dem Konzert seinen „Closing Countdown“ startet, bevor der Club wegen eines Hotelbaus schließen muss.

Es ist bereits halb eins, als Smith sichtlich betrunken auf die Bühne stolpert und trotzdem jene widerspenstige Souveränität ausstrahlt, die ihn immer ausgezeichnet hat. Mit dieser Stimme, die sich strikt weigert eine zusammenhängende Melodie zu singen. Ein quengelndes Organ, das keine Ruhe geben will, und wenn er es mal tut, dann setzen einem die anderen mit voller Wucht zu. Mit Keyboard, Raspelgitarre, Pumpbass und Schlagzeug wird Dramatisches zerstreut und fachmännisch zerlegt: Treibender Dschungelbeat, Discopunk und „Strychnine“ von den Sonics. Grandiose Soundscapes der Übellaunigkeit und halbbetäubten Exzesse, denen eine Hartnäckigkeit innewohnt, die nichts mehr beweisen will, sondern einfach da ist und weniger mit dem Vorzeigen von Erreichtem zu tun hat, als mit konstruktivem Weitermachen. Unheimlich starker Absturz. Leider zum letzten Mal an diesem Ort. Darauf ein dreifaches „Ave Maria!“ Und dann die Getränke.Volker Lüke

KLASSIK

Hellwach: Jiri Kout

und die Prager Symphoniker

Es ist so erwartbar, dass es schon wieder selbstironisch gemeint sein könnte: Die Prager Symphoniker beginnen ihr Konzert in der Philharmonie mit Smetanas „Moldau“! Doch der Abend unter ihrem Chef – und langjährigem Gastdirigenten der Deutschen Oper Berlin – Jirí Kout gerinnt nicht zum Klischee, er steckt voller Überraschungen. Ungestüm und forsch steigen die Musiker ein, als könnten sie nicht schnell genug zum Hauptthema kommen, das dann breit und majestätisch ausgespielt wird, mit einigen unerwarteten dynamischen Dämpfern im Finale. In Tschaikowskys 2. Klavierkonzert legt Nikolai Tokarev eine falsche Fährte, als er mit robustem, fast brutalem Anschlag beginnt. Tatsächlich ist er ein lyrischer Pianist mit quicklebendigem Geist, dem auch bei den schier endlosen motivischen Anläufen des ersten Satzes nicht die Puste ausgeht. Dvoráks achte Sinfonie schließlich kommt mit aufwühlenden Streichern und fulminant leuchtendem Blech daher. Trocken und schlank ist der Klang, neugierig und mit gespannter Aufmerksamkeit leuchten die Symphoniker das Stück aus, lesen mit hellwachem, frischem Blick die musikalische Tradition ihres Landes neu. Als Zugabe noch mal Dvorák: Der achte Slawische Tanz – ohne Reißer kann man die Leute eben nicht nach Hause schicken. Udo Badelt

0 Kommentare

Neuester Kommentar