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TANZ

Körperarchiv: eine Performance von Lindy Annis in den Sophiensälen

Furchteinflößend sieht Joséphine Evrard nicht aus, wie sie da mit dem rechten Arm über die Schulter greift und mit links zu einem Stoß ausholt. Doch es ist beileibe nicht die Haltung der modernen Frau, die ihr Handtäschchen schleppt und zugleich ihr Smartphone balanciert. Die Tänzerin im weißen Kleid hat sich in eine Mänade verwandelt – und die wirft sich auf antiken Darstellungen das Beutetier über die Schulter und trägt einen Speer. In „The Encyclopedia of Tragic Attitudes Part II: The Feminine Figures“ ist Lindy Annis den Mänaden auf den Fersen (Sophiensäle, wieder 16. bis 18.5., 20 Uhr). Bei dieser Performance zum Thema Körpergedächtnis (body archive) probiert Evrard anmutige und pathetische Haltungen aus, während Annis durch ein imaginäres Museum führt. Annis verfolgt die Weiterentwicklung von Bildfiguren, der „Fall der Nymphe“ steht für einen Niedergang. Die Körper sinken später zu Boden, auch Evrard, die als angriffslustige Mänade posierte, findet sich in der Haltung einer schlummernden Venus wieder, zitiert Manets skandalöse Olympia. Wenn Evrard die Posen von Aphrodite und Maria, von Medea und Daphne dann zu einem Tanz verbindet, wirkt das auf befremdliche Weise expressiv – was diese Ikonen aber mit der Frau von heute zu tun haben, bleibt nebulös.Sandra Luzina

LITERATUR

Fahrstuhlkunst: Navid Kermani

in der Akademie der Künste

Zelten am Pariser Platz – mit abgedunkelter Taschenlampenatmosphäre und Vorlesestunde, wie früher im Pfadfinderlager. Nur dass in der Akademie der Künste keine Horrorgeschichten vorgelesen werden, sondern Navid Kermanis noch unveröffentlichter Roman „Dein Name“. Der Herr mit graumeliertem Haar, der in der Bibliothek im Kegel der Leselampe über seine Brille hinweg Szenen aus dem Opus vorliest und auf Rechtschreibfehler hin kommentiert, ist Chefpfadfinder Manos Tsangaris. Thema des Zeltlagers: „Kulturelle Dialoge – Zelte“. Dahinter verbirgt sich die Idee eines Stationentheaters mit begrenzten Zuschauerzahlen. So kommt der Besucher bei der Fahrstuhlfahrt in direkten Kontakt mit Kermani. An Lesestationen wird ein Einblick in die iranische Kultur gewährt, während zwei mal zwei Mitglieder des Ensembles AuditivVokal sich singend mit dem Deutschen auseinandersetzen: „Ist das die Sprache, in der man Heinrich heißt?“. Im Keller dann zwei Soprane, die Diaprojektionen mit Satzfetzen begleiten. Die Zuschauer drängeln sich bei der „Dönerschaltung“ vor einer winzigen „Schäfchenbühne“, wo ein Metallknopf und drei Kügelchen mit einer Gruppe von Büroklammern ringen. Die Zeltlagerteilnehmer biegen sich vor Lachen. Schön, wenn man für einen Abend Kind sein kann. Nantke Garrelts

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