KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

H. P. Daniels

FOLK

Wahrheitsklänge:

Mary Gauthier im Quasimodo

„Truth Tellers“ nennt Mary Gauthier jene Musiker, die in poetischen Liedern ungeschönt die Wahrheit über das Leben sagen. Schwer hatte sie es schon in ganz jungen Jahren: Nach der Geburt abgeschoben in ein Waisenhaus von New Orleans, Kindheit in einer zerrütteten Adoptivfamilie, ausgerissen, Gefängnis, Alkohol, Drogen, Entzug. Trost fand sie in den Songs von Hank Williams, Woody Guthrie, Bob Dylan, Neil Young, Leonard Cohen, und Patti Smith. Country, Folk, Americana – egal, wie man es bezeichnet, vielleicht läuft es bei dieser Art von Musik, immer hinaus auf die berühmten „drei Akkorde und die Wahrheit“, wie Howard Harlan einmal die Country-Musik definiert hat.

Auf der Bühne des Quasimodo steht Mary Gauthier in grauem Männerhemd, schwarzer Weste, schweren Stiefeln, kurzen Zuppelhaaren und rosarot getönter Brille. Dabei klingen ihre Songs so gar nicht nach Blick durch die rosarote Brille. „Cold winds blowing ’cross sky dull and grey, I’m gonna walk in the water till my hat floats away“. Die todtraurigen Zeilen zu drei Akkorden in effektivem Fingerpicking auf einer Akustikgitarre erinnern an den großen „Truth Teller“ Bob Dylan. „Walk In The Water“ stammt von Gauthiers jüngstem Album „The Foundling“, einem bittersüßen Zyklus über die Zeit im Waisenhaus. Exquisit begleitet wird die Songwriterin aus Nashville von der jungen Kanadierin Tania Elizabeth mit sehr schönen schwirrend schwebenden Sounds auf einer fünfsaitigen Geige. In dieser Duobesetzung bekommen auch die älteren Songs noch einmal eine ganz neue Farbe. All die Geschichten über Alkoholiker, Mörder, Junkies, Prostituierte und der herausragende anrührende Song über „Last Of The Hobo Kings“. Und manchmal ist sogar noch ein vierter oder fünfter Akkord dabei. Die Wahrheit ist es allemal. Herausragendes Konzert. H. P. Daniels

KUNST

Befreiungsbilder: Felipa Césars Installation im Haus der Kulturen

Seite um Seite blättert die feingliedrige schwarze Hand das gewellte Fotoalbum um. Aufnahmen von Initiationsriten sind darunter, Fußballteams, Kinder, Häuser, Dörfer. Da hat jemand in den Vierzigern sehr umfassend sein Land, das westafrikanische Guinea-Bissau, in Bildern festgehalten. Die Künstlerin Filipa César lässt in ihrem Video aber nicht nur Historisches Revue passieren. Aus dem Off schiebt sich die Stimme eines Archivars von heute darüber. Er identifiziert Menschen und Orte. Er identifiziert sich mit ihnen. Ausgerechnet jene Fotos, die einst einem portugiesischen Kolonialherren gehörten. Das Video ist Teil der klugen, künstlerisch-dokumentarischen Installation „The Embassy“, der fünfte Beitrag der Ausstellungsreihe „Labor Berlin“ (Haus der Kulturen der Welt, bis 19.6., Mi-Mo 11-19 Uhr). César, geboren 1975, ist eine der wichtigsten portugiesischen Künstlerinnen ihrer Generation, verfolgt damit auch die Spuren des Unabhängigskeitskämpfers Amílcar Cabral. Er war einer der wichtigsten Figuren im Befreiungskampf Guinea-Bissaus und wurde 1973 ermordet. Cabral förderte das lokale Kino. Die Einheimischen sollten dort zu neuem Selbstbewusstsein gelangen. Ein Bild aus der zweiten Arbeit der Künstlerin prägt sich daher besonders ein: Licht fällt auf einen Schutthaufen. Staub tanzt. Die meisten Kinos sind heute zerstört. Anna Pataczek

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