KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Seelenwanderung: Maurizio Pollini

in der Philharmonie

So ein moderner Steinway hat schon einen prachtvollen Ton, brillant und metallisch, der mühelos bis in alle Winkel selbst der größten Konzertsäle dringt. Bei seinem Auftritt am Dienstag in der Philharmonie unterzieht Maurizio Pollini den Flügel allerdings einem interessanten Experiment: Für Schuberts späte B- Dur-Klaviersonate versucht er durch intensiven Pedalgebrauch einen weichen, intimen Klangeindruck entstehen zu lassen, der atmosphärisch an Hammerklaviere um 1820 erinnert - ohne dass der Interpret dabei die technischen Unzulänglichkeiten der historischen Instrumente in Kauf nehmen müsste. Ganz tief hinein in Schuberts zerklüftete Seelenlandschaften führt Pollini so sein Publikum, feinfühlig und festen Schrittes, doch ohne Hatz. Selbst das rätselhafte Bassgrummeln am Ende des Eröffnungsthemas erklärt er zum organischen Bestandteil des Musikflusses. So ist das menschliche Dasein: von Schmerzen durchwebt, auch dort, wo süße Melodien erklingen. So muss man es aushalten. Darum bleibt Pollinis Spiel immer lebensbejahend, selbst in der tiefsten Melancholie des Andante mit seinen fahlen Novemberfarben. Ein berührendes, ja ein tröstliches Hörerlebnis.

Nach der Pause, bei den Charakterstücken von Chopin, lässt der Pianist wieder mehr Brillanz, mehr Metall beim Flügel- Klang zu, selbstverständlich ohne der Verlockung des oberflächlich glänzenden Virtuosentums zu erliegen. Die Melodien sind ihm nur Fußangeln, mit denen er die Leute fängt, um ihnen dann in altmeisterlicher Konsequenz die Komplexität der Kompositionen darzulegen. So analytisch, so strukturell geht Pollini dabei vor, dass man am Ende dann doch ein wenig die innere Anteilnahme vermisst, kurz: das Gefühl. Frederik Hanssen

POP

Still und klar: Laurie Anderson

in der Volksbühne

Seitdem Laurie Anderson 1981 mit „O Superman“ in den Popcharts landen konnte, gilt die Performance-Künstlerin aus New York als One-Hit-Wonder. Dabei hat die mittlerweile 63-Jährige nie einen Gedanken an ihr Publikum verschwendet und arbeitete stattdessen mit William Burroughs, Nam June Paik, Robert Wilson oder Lou Reed, mit dem sie seit drei Jahren auch verheiratet ist. 2010 inszenierte sie am Opernhaus in Sydney ein Konzert speziell für Hunde, dessen Aufführung sie als „Höhepunkt ihres Lebens“ bezeichnete. Ist die Frau noch zu retten? Leicht hat sie es einem ja noch nie gemacht. Auch bei ihrem jüngsten Solo-Programm „Delusion“, das sie jetzt an zwei Tagen in der Volksbühne präsentiert, kann man von Musik nicht wirklich sprechen.

Klein und drahtig steht sie auf der Bühne. Schwarze Hose, graues Hemd, Stoppelfrisur, ungeschminkt, herb und sehr direkt, aber auch unnahbar wie ein Android mit Latexhaut. Fast unmerklich blättert die Fassade, entsteht ein Schmunzeln, das beide Mundwinkel erreicht, wenn sie mit ihrer elektrisch verstärkten Violine brummt oder ihre tief nach unten gepitchte Stimme gegen Klanggebilde aus der Retorte wirft. Die symphonischen Miniaturen und (mit deutschen Untertiteln versehene) Sprechgesangsstücke fügen sich in 80 Minuten zu einem persönlichen Meditationswerk, in dem es auch um den Tod der Mutter und das russische Raumfahrtprogramm geht. Ein großes, schönes, teilweise komisches und auf seine Art alle Fragen unterspülendes Rätsel („Wem gehört der Mond?“, „Was ist der Mensch, wenn er die Lebenszeit seines Gottes überlebt?“), umweht von tonnenschweren Videoscreens und High- Tech-Geklapper, das einen nicht störend aufschreckt, weil die Musik in ihrem Stillstand eine Klarheit besitzt, die fast beiläufig als Inhalt verbreitet wird und nur selten ins Fade abgleitet.

Nicht gerade Stoff für die Hitparade, aber der Stimmenverzerrer „Auto-Tune“, dem keiner entkommt, der nur zehn Sekunden aktuellen R&B hört, verblasst völlig gegen die Vocoderstimme, mit der Laurie Anderson seit über dreißig Jahren ihre Geschichten erzählt. Volker Lüke

LITERATUR

Wunsch und Wahrheit: Karl Schlögel im Brecht-Haus

Russland hat Karl Schlögel stets als das – neben Deutschland – „klassische Land“ der „nicht verarbeiteten, nicht kultivierten, nicht zivilisierten Moderne“ begriffen. In Moskau findet er die Spuren und Folgen dieser besonderen Geschichte. Die Überblendung von Topographie und Geschichte bezeichnet die Methode des an der Viadrina lehrenden Osteuropaforschers. Keiner kennt den Osten so gut wie er. „Moskau lesen“, so der Titel seines Buches von 1984, ist das Standardwerk der russischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, wie sie sich in der Hauptstadt spiegelt, sei es in dem, was ist, oder auch dem, was vergangen, aber nicht gänzlich getilgt ist. Diesem Buch hat Schlögel mittlerweile einen gut 100 Seiten starken Nachtrag über die Zeit seit der Agonie des Sowjetsystems beigegeben. Im Brecht-Haus, vor überwiegend Moskau-kundigem Publikum, stellt er die erweiterte Neuauflage im Gespräch mit Sigrid Löffler vor (Carl Hanser Verlag, München 2011, 506 S. 25,90 €). Dabei wird man den Verdacht nicht los, dass Schlögel den frühen achtziger Jahren nachhängt, jener Zeit einer allumfassenden „Verlangsamung“, wo man im Zentralen Telegraphenamt vier Stunden lang für ein Drei-Minuten-Gespräch ins Ausland anstehen musste.

Wie anders ist Moskau heute: „ Der vorherrschende Eindruck ist der einer ungeheuren Beschleunigung und Verdichtung, von Härte und Brutalität.“ Die innige Beziehung zu Moskau ist dünner geworden. Die Antiquariate, in denen man „die geistige Verfassung der Stadt ablesen“ konnte, existieren nicht mehr. Die Hoffnung, die Karl Schlögel dem Ansturm der Veränderung seit 1990 entgegensetzt, die Hoffnung auf Initiativen etwa, die sich „der Dampfwalze des Abreißens“ historischer Häuser entgegenstemmen, mag mehr vom Wunsch als von der Wahrheit getragen sein. Aber gerade diese Hoffnung auf das längst verloren Geglaubte ist es, der wir die kenntnisreichsten und nebenbei literarisch anspruchsvollsten Bücher über das rätselhafte Russland verdanken wie eben „Moskau lesen“. Bernhard Schulz

0 Kommentare

Neuester Kommentar