KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Jochen Overbeck

POP

Eigenartig perfekt:

Cat’s Eyes im Magnet Club

Syd Barrett ist an diesem Abend allgegenwärtig. Nicht nur vor dem Konzert, als im Rahmen eines geschmackssicher zusammengestellten Mix das wunderbare Pink-Floyd-Stück „See Emily Play“ durch den locker gefüllten Magnet Club wabert, sondern auch während des eigentlichen Konzerts. Sänger und Gitarrist Faris Badwan gibt ein, zwei Mal eine verblüffend detailgetreue Imitation des 2006 verstorbenen Pop-Heroen, auch die visuelle Inszenierung erinnert bisweilen an die Mitschnitte ganz früher Pink-Floyd-Auftritte.

Die Lieder, die Cat’s Eyes intonieren – neben dem eigentlich bei den Horrors musizierenden Badwan ist die kanadische Sängerin Rachel Zeffira der zweite Anker der Band –, sind jedoch kürzer. Zwei, drei Minuten lange Skizzen, die dennoch wenig Wert auf Stringenz legen, sondern sich ausführliche Improvisationen erlauben und jedem Ton die Zeit lassen, um zu verklingen. Das führt manchmal ins Leere, was aber nicht schlimm ist, weil die Leere nie lange anhält. Immer wieder gibt es Phasen, in denen minutenlang alles eigenartig perfekt anmutet. Das mag an Zeffiras Gesang liegen. Fatalistische, klar und klerikal dargebotene Worte ohne Lebensfreude, denen man kaum Glauben schenken mag, so schön ist der Mund, aus dem sie kommen. Oder es ist Zeffiras Instrumentarium: Sie bedient sowohl einen Roland Analog-Synthie als auch eine prächtige Hammondorgel und wechselt einige Male zur Oboe. Der Rest der Band agiert weniger verhuscht, zitiert nicht nur Psychedelic, sondern auch Shoegaze und Wave: Begräbnismusik der allerbesten Sorte, die immer dann am schönsten ist, wenn Badwan und Zeffira gemeinsam singen. Beim nächsten Mal bitte in der Passionskirche!Jochen Overbeck

KLASSIK

Konsequent kühl:

David Fray im Konzerthaus

Dass ein gerade 30-Jähriger die Dinge aus der Retrospektive erklärt, damit kann man nun wirklich nicht rechnen. So hatte man sich zunächst gefragt, warum David Fray im Konzerthaus Mozarts frühes Es-Dur-Klavierkonzert spielt, wenn es doch zwischen dem jungen Mann und dem „Jeunehomme“-Werk so offensichtlich an Beziehungen mangelt. Frays lässig bis teilnahmslos wirkende Physiognomie am Klavier ist ja eher Markenzeichen als Defizit – hier aber rauschen auch Themen und Motive vorbei, als wäre der Darbietende Unbeteiligter. Im Kopfsatz, wenn Fray in den vielen dialogischen Momenten jede Kontaktaufnahme mit der durchaus interaktionswilligen Amsterdam Sinfonietta verweigert und im Andantino, wenn er zwar der Versuchung widersteht, die fragile Intimität einfach mit romantischen Gefühlswallungen aufzupumpen, dafür aber regelmäßig stehen bleibt, wo die Musik fortschreiten möchte. Eine Lesart, die in den besten Momenten sachlich, oft aber nur initiativlos wirkt und erst im finalen Rondo Erklärungsangebote liefert. Auch hier bleibt der Franzose konsequent kühl im Ausdruck. Dadurch aber schimmern plötzlich Nuancen, harmonische und melodische Untergründe. Plötzlich scheint es, als war Frays Purismus von Beginn an ein verhalltes Angebot, Mozart stärker zwischen den Zeilen zu lesen.

Die Amsterdam Sinfonietta hält davon nicht viel. Nachdem die Niederländer in der Streichorchesterversion von Alban Bergs Klaviersonate Op. 1 den Spagat zwischen spätromantischem Rahmen und zukunftsschwangerem Interieur mit Hingabe gemeistert haben, dominiert in Mozarts A-Dur-Sinfonie das Affirmative. Ein beschwingt-beschwipstes Bild des Klassikers, das hier und da dem Klischee verfällt, in jedem Fall aber ein Gegenangebot zu Frays Mozart ist. Daniel Wixforth

THEATER

Leibhaftig begegnet:

„Ten Seconds“ an der Parkaue

Bereits wenige Sekunden entscheiden darüber, ob wir einen Fremden sympathisch finden oder ob er uns kalt lässt. In „Ten Seconds“, einem Tanzstück für Jugendliche ab 14, das im Theater an der Parkaue Premiere hatte (wieder 26.5. 10 und 18 Uhr) hat jeder der sechs Tänzer zu Beginn nur zehn Sekunden, um sich dem Publikum vorzustellen. Die Digitaluhr läuft im Hintergrund mit. Der junge Choreograf Takao Baba, der der E-MotionCrew angehört, stellt nicht nur die Zeitwahrnehmung der Performer auf die Probe. Zehn Sekunden können wie im Flug vergehen, wenn ein Breakdancer lässig seine Styles demonstriert. Sie können sich aber auch wie eine kleine Ewigkeit anfühlen – wenn es darum geht, sich einem anderen anzunähern. Der Tanz bewegt sich zwischen Beschleunigung und Stillstand, Verausgabung und Verunsicherung. E-Motion kommen vom Breakdance, sind aber längst für ihren furiosen Stil-Mix bekannt. Hier bleibt es nicht beim tänzerischen Ego-Trip, Baba kombiniert die Powermoves mit viel Gefühl. Wie die Tänzer hier ihre Bewegungssprachen austauschen, wie sie den anderen herausfordern und zugleich auf ihn eingehen, das ist oft mitreißend gestaltet. In den Zeiten von Facebook und MySpace zelebriert Takao Baba die leibhaftige Begegnung. Sandra Luzina

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