KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Nantke Garrelts

THEATER

Spielendes Klassenzimmer:

das Maxim Gorki in Neukölln

Die Hofmeister kommen nach Neukölln. Oder besser gesagt, aus Neukölln. Ihre Klassenzimmer sind Geschäfte und eine WG an der Kreuzung Pannierstraße/Weserstraße, auf dem Stundenplan stehen Geschichte, Musik, Geografie und eine Lehrerkonferenz. Doch nach 15 Minuten heißt es „Freistunde!“, und die Kreuzung verwandelt sich in einen belebten Pausenhof, auf dem Schauspieler des Maxim-Gorki-Theaters mit Reuterkiez-Bewohnern Chorproben und kleine Beziehungsdramen inszenieren.

Ein Großteil der Mitspieler des Projekts „Die Hofmeister – Freistunde!“ (Sa, 28. Mai, 19 Uhr) war vor fünf Jahren noch Futter für die Boulevardpresse und Vorurteile über die „Terrorschmiede Rütlischule“. Nun denken die Schüler der Rütli-Schule in der „Geschichtsdisco“ zwischen orange-braunem Glasmosaik und goldenem Pappmaschee über ihre Schule zu Zeiten des Naziregimes nach und fragen „Was ist Reformschule?“ Nach 15 Minuten Zeitreise ist schon wieder eine Freistunde angesagt. In der geht es, wie auf dem Schulhof auch, nicht immer nur um Schule: Hans-Ulrich Laux, Taxifahrer aus dem Reuterkiez, regt sich in seiner Performance über steigende Wohnungspreise auf. Am Beginn der nächsten Unterrichtsstunde drängen sich die „Schüler“ zur nächsten Station. Es ist kaum Platz in dem WG-Zimmer am Eckhaus, wo unter den wandernden Lichtpunkten ein Persönlichkeitsmemory mit Fotos von Kiezbewohnern zusammengesetzt werden soll. In Gemeinschaftsarbeit puzzeln die Besucher die Identitäten von fünf Neuköllnern zusammen, die mit einer Einwegkamera ihre Lebenswelt dokumentiert haben. Und was hat man am Ende des Unterrichts gelernt? Der „Monsterbezirk“ beißt nicht. Nantke Garrelts

POP

Moderner Tanz:

Pere Ubu im Quasismodo

David Thomas, wir lieben dich! Niemand kämpft sich so unerschrocken durch die zerklüftete Welt der Rockmusik wie der 57-jährige Sänger und Entertainer, der sich dazu herabgelassen hat, das Debütalbum „The Modern Dance“ seiner Hausband Pere Ubu aufzuführen, das 1978 wie eine Ufo-Attacke auf die Pop-Szene prallte und zu den Platten zählt, die man unbedingt gehört haben muss – das Erstaunlichste, was Cleveland je hervorgebracht hat!

Der Auftritt im Quasimodo beginnt aber erst mal mit einem Schock: Der Mann mit dem mächtigen Gürtelumfang und selbstverständlich getragenen Pfunden, der vor jedem Auftritt eine Flasche Remy Martin und ein großes Stück Rindfleisch zu sich nimmt, hat sich quasi halbiert. Doch gleich macht er klar, das er nichts von seiner Energie verloren hat. Vor jedem Song erzählt er eine wunderbar verrückte Geschichte, quasselt und heult mit seiner überdrehten Kopfstimme, die mehr noch als die Songs, denen sie zu flüchtiger Existenz verhilft, der größte Aktivposten von Pere Ubu ist. Mal ist er quengelndes Kleinkind, mal kreischender Diktator, ein Publikumsflüsterer und Entertainer, der aber irgendwann wütend eine Bierflasche auf die Bretter knallt und für einen Moment die Bühne verlässt, weil ihm ständig ein Schwachkopf dazwischengrölt. Umso erstaunlicher wie souverän seine Band die Linie hält: Robert Wheeler, der längst den Platz von Allen Ravenstine eingenommen hat, fiept und sinuskurvt am Synthesizer und Theremin; Keith Moline zersägt mit der Gitarre Melodien und Schlagzeuger Steve Mehlmann hält mit Bassistin Michele Temple zusammen, was entfliehen könnte.

Neben dem kompletten Jahrhundertalbum spielen sie mit „Final Solution“ und „30 Seconds Over Tokio“ auch die legendären ersten Singles und drei Songs von „Dub Housing“ als Zugabe. Großstadt- Lärm-Rock und Sci-Fi-Folklore, die auch nach über 30 Jahren modern klingt, weil ihre disziplinierte Radikalität und ihr emotionaler Einfallsreichtum noch heute auf Vergleichbares warten und uns eine Vorstellung davon vermitteln, wie weit Musik zu gehen vermag. Volker Lüke

KLASSIK

Katzenhaftes Lauern:

Igor Levit spielt Beethoven

Beethovens Diabelli-Variationen, so beschied einst der einflussreiche Musikkritiker Paul Bekker, seien ein Werk, das „nicht gespielt werden darf.“ Ihre völlig abstrakte Klangwelt sei „für ein Instrument geschrieben, das niemals existiert hat und niemals existieren wird. (...) Der wirkliche, physisch wahrnehmbare Klang ist eine gemeine Vergröberung der künstlerischen Idee.“ Die überspitzte These lässt ahnen, welcher Fallhöhe sich ein Pianist aussetzt, wenn er seinen Karrierestart mit diesem Werk verknüpft.

Doch Igor Levits Darbietung der 33 Variationen im Radialsystem begeistert gerade durch die Durchdringung von Geist und Physis. Mag Beethoven die hohen und tiefen Lagen noch so weit spreizen – unter Levits farbenreichem, konturierten Anschlag fällt nichts auseinander, was gedanklich zusammengehört. Wobei sich der 24-jährige Pianist (den eine fotografische Installation, die eher auf Youtube gehörte, während seines Spiels in ästhetischen Posen zeigt) bei seinem Berlin-Debüt zugleich dem Wahnsinn des Stücks stellt. Er spielt die Variationen nicht als das Werk eines Komponisten, der herausfinden will, „was man aus dem Thema alles machen kann“, sondern als Aktion eines Besessenen, der sich von einer fixen Idee und ihrer musikalischen Logik zu befreien sucht: der sein Thema knufft und umarmt, der mit ihm spielt wie eine lauernde Katze mit der Maus, der es in die absurdesten Zusammenhänge stellt und doch mit dem Schlusston zu verstehen gibt, dass er gleich noch einmal von vorne beginnen könnte. Statt dies zu tun, spielt Levit als Zugabe Liszts Sonetto del Petrarca 123. Mit einer differenzierten und herben Poesie – ganz auf der seiner Beethoven-Interpretation.Carsten Niemann

POP

Genüssliches Schmatzen:

Kitty, Daisy & Lewis im C-Club

Kitty, Daisy & Lewis aus London lieben Musik und Klamotten einer Zeit, in der noch alles analog war und sie selber lange noch nicht geboren. Jetzt pfeffern die drei gerade dem Teenageralter entwachsenen Geschwister lebhaften Rockabilly in den prall gefüllten C-Club. Nachdem sie für ihr 2008 veröffentlichtes Debütalbum noch überwiegend Coverversionen aufgenommen haben, besteht ihre neue Platte „Smoking In Heaven“ ausschließlich aus Eigenkompositionen, die sie nun in einem kleineren Rahmen erproben, bevor sie damit später auf große Tournee gehen. Doch erst einmal kräht Kitty „Mean Son Of A Gun“ von Johnny Horton und tutet in die Harmonika. Daisy drischt ungestüm ins Minimal-Schlagzeug. Und Lewis im schnieken Nadelstreifenanzug mit schmalem Schlips und geöltem Haar spielt dünn und quecksilberig eine swingende Archtop-Gitarre. Manchmal erinnert er ein wenig an Keith Richards, als der Anfang der sechziger Jahre in Lewis' Alter war und auf die englische Art Chuck Berry interpretierte. Auch Kitty und Daisy haben sich hübsch gemacht, mit Vintage-Frisuren, Etuikleidern und rot gemalten Mündern. Im Saal brodelt’s und wippt’s. Rock ’n’ Roll schwappt durchs Auditorium mit dem heftigen Klang alter 45er-Singles aus einer 50er-Röhren-Jukebox. „I'm Going Back“. Schepperig und voluminös, Lautstärke auf Anschlag, grumpelnder Bass. Den bummert Ingrid Weiss, einst Schlagzeugerin der Raincoats und außerdem die Mutter von Kitty, Daisy & Lewis. Die ganze Truppe ist eine Familienband. Dad Graeme Durham spielt Rhythmus auf einer Akustikgitarre, singt jeden Song ohne Mikro mit und dirigiert die Kinder mit unauffälligen Blicken: um den scheuen Lewis ein bisschen aufzumuntern, zum Beispiel. Oder dass Daisy mal einen Wirbel über die Snare rollen lassen soll. Vielleicht sind sie ein bisschen nervös, weil das Konzert vom Radio mitgeschnitten wird. Etwas hibbelig wirken die Geschwister, wenn sie die Instrumente tauschen: gehämmertes Hohner Clavinet, plingelndes Glockenspiel, wechselnde Gitarren, wechselnde Gesänge. Am besten sind sie, wenn sie schmutzigen R&B spielen, wenn die Einflüsse von Muddy Waters durchschimmern und Kittys rhythmisch melodische Harmonika genüsslich schmatzt. H. P. Daniels

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