KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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PERFORMANCE

Postapokalytisch: „Natural Habitat“ im Naturkundemuseum

Vorbei geht es am Skelett des Brachiosaurus, an ausgestopften Antilopen und Flusspferden. Im Huftiersaal des Naturkundemuseums fällt der Blick auf ein surreales Diorama. Eine Frau hockt in einer Wüstenlandschaft, umgeben von Rotfuchs-Exponaten und einem roten Milan – sie ist die letzte ihrer Art. Die Performerin Laurie Young imaginiert in „Natural Habitat“ die Abschaffung der Arten. An diesem Ort, wo die Biodiversität dokumentiert wird, stellt sie die Frage: Wie könnte unsere Welt in 200 Jahren aussehen? (Wieder am 29. und 31.5. sowie am 1., und 2.6., 20.30 Uhr).

Die Performance, ein Projekt der Sophiensäle, ist von wissenschaftlichen Darstellungsformen inspiriert. Die Kreatur im Schaukasten erwacht zum Leben, während eine Stimme über Kopfhörer über Anpassungsfähigkeit und die Verwandtschaft der Arten referiert. Was wie eine ökologische Nische anmutet, wandelt sich zum postapokalyptischen Szenario. Wie sich die Lebensbedingungen auf dem Planeten verändern, ist im Zeitraffer zu erleben. In halluzinatorischen Bildern fangen Laurie Young und die Bühnenbildnerin Heike Schuppelius das Drama der Evolution ein – bis zum Verschwinden des Menschen. In einer Schneelandschaft taucht Young wieder auf – mit Federschmuck und iPhone. Sie ist selbst zum Exponat geworden wie der Rotfuchs und der Greifvogel. Unser Blick auf die konservierte Natur wird problematisiert: Sind wir Bewahrer – oder erliegen wir der Faszination des Todes? Sandra Luzina

KLASSIK

Organisch: Elisabeth Leonskaja

in der Komischen Oper

Sie trägt die Flamme weiter, seit über fünf Jahrzehnten. Wenn Elisabeth Leonskaja am Freitag in der Komischen Oper Beethovens 5. Klavierkonzert interpretiert, dann leuchtet ihr packend-präsentes Spiel heraus aus dem Orchesterklang. Weich und liebevoll ist Leonskajas Anschlag, selbst im Fortissimo frei von jeder Virtuoseneitelkeit. Denn hier geht es allein darum, dem Werk zu Glanz zu verhelfen. Mit Weitblick und Gespür für die Proportionen organisiert Dirigent Dennis Russell Davies das klingende Geschehen – doch so organisch, so ganz aus dem inneren Puls heraus wie die Solistin vermag das begleitende Ensemble nicht mit der Musik zu atmen.

Richtig Spaß hat das Orchester nach der Pause. Denn Walter Braunfels’ „Phantastische Erscheinungen eines Themas von Berlioz“ hält für alle Musiker schöne Stellen bereit. Vor allem, wenn das 1920 uraufgeführte, vom „Flohlied“ aus der „Damnation de Faust“ inspirierte Stück so ausgekostet wird wie von Russell Davies: Da bleibt jedes Detail hörbar, da erlebt man eine Leistungsschau dessen, was mit dem modernen, großsinfonischen Apparat möglich ist. Ein lebenspralles, in tausend Farben funkelndes Panorama zwischen märchenromantischer Schwärmerei und wilhelminischem Prunk, das bei aller Unterhaltsamkeit nie ins Hollywoodhafte abgleitet. Unbedingt vormerken: Kommende Saison dirigiert Manfred Honeck das fantastische Stück beim DSO! Frederik Hanssen

KABARETT

Polemisch: Die Distel betritt

die „Kampfzone Bundestag“

Nichtraucher wissen: Raucher bilden eine verschworene Gemeinschaft. Martin Maier-Bode und Jens Neutag (Text) machen sich an der Distel diese Solidarität zunutze. In „Kampfzone Bundestag“ (Regie: Sven Post) treffen sich vier Hinterbänkler regelmäßig in den Eingeweiden der Macht, im Untergeschoss U2 des Reichstags, um ihrem Laster zu frönen – und dabei über die eigenen Parteien herzuziehen. Der ergraute Grüne (Edgar Harter) gehört zu den Krisengewinnlern, seine Partei muss bei jedem Atomunfall nur mal ernst gucken und bekommt fünf Prozent mehr. Die CDU-Frau (Caroline Lux) stammt aus Wiesbaden, wo selbst die Obdachlosen Bausparverträge haben, träumt von Macht und Sex mit Obama und weiß, dass Merkel alle Nebenbuhler weggebissen hat – „wie Honecker“. Der Mann von der SPD (Michael Nitzel) ist seit 36 Jahren dabei, er erkennt, dass seine Partei den Sexappeal eines vollgekotzten Hauseingangs hat. Und der junge Schnösel von der FDP (Timo Doleys) brüstet sich, dass seine Partei die einzige ist, die nichts tut – „und wenn Sie unsere Minister anschauen, ist das sogar eine Verbesserung!“

Während die wirklichen Parteien austauschbar wirken, schlägt dieser Abend noch einmal Funken aus den Unterschieden – mit Charme, Witz und Tempo. Nur die Rahmenhandlung mit dem Rauchen rutscht in der zweiten Hälfte auf die hinteren Bänke. Aber das passt ja schon wieder (wieder vom 30.5. bis 3.6. sowie an verschiedenen Terminen im Juni). Udo Badelt

THEATER

Mythologisch: ein „Prometheus“

mit Puppen im Studiotheater bat

Als Puppe, an stricknadelähnlichen Stäben bewegt, geht er durch ein neues Kapitel seiner mythologischen Geschichte: Prometheus, der Menschenschöpfer, Feuer- und Glücksbringer. Regie- und Puppenspielstudenten der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch lassen ihn im Studiotheater bat turnen. Fünf Spieler dienen dem Kerlchen mit dem düsteren, altersweisen Gesicht, führen es in eine Welt magischer Bilder und freundlich bedrohlicher Wesen aus weißen Röhren. Zauber, Geheimnis, Sinnsuche, Sein oder Nichtsein. In der Begegnung mit Pandora, einer Großpuppe im Rollstuhl, kulminiert der Konflikt um das dem Menschen Zugeteilte. Nur Böses, oder doch auch Hoffnung, die Pandora nicht hergeben will? Zu diesem „Prometheus!“ (Regie und Text Roscha A. Säidow, Puppen Magdalena Roth) gesellt sich als Vorspiel die Burleske „Epimetheus“ (Regie/Idee: Philip Baumgarten; Puppen, Metallobjekte, Bühnenbau Ingo Mewes).

Hier findet ein Bruderkrieg statt zwischen dem „Voraussinnenden“ und dem „Nachbedachten“. Kleine Puppen balgen sich, und die großen Spieler auch. Mancherlei Spielzeug wird aufgebaut, ein Fahrrad kommt trotz heftigen Tretens nicht von der Stelle, Musik untermalt das martialische und doch immer freundlich-putzige Geschehen. Pandora tritt diesmal zwiegestaltig als Mensch und Puppe auf, und im endlich geöffneten Koffer der Verführerischen steckt ein zartes Bonsai-Bäumchen. Christoph Funke

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