KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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Foto: Matel Findl
Foto: Matel Findl

INSTALLATION

Versponnen: Cardiffs und Millers Narrenschiff im Hebbel am Ufer

Warum soll man ins Kino gehen und dem vierten Abenteuer von Captain Sparrow zuschauen, wenn es so etwas gibt: Das „Ship’o Fooles“, das Narrenschiff, eine neun Meter lange chinesische Dschunke, angelandet vor der zweiten Spielstätte des Hebbel am Ufer. Im Bauch versteckt sich eine theatrale Soundcollage des kanadischen Künstlerduos Janet Cardiff und George Bures Miller (bis 12. Juni, Di- So 14-21 Uhr). Hier ächzt und knarzt es nicht nur, auch eine Geige fidelt wie von Geisterhand, ein Wunderwerk der Mechanik klopft auf Töpfe und Kessel, ein schwappendes Aquarium zaubert Lichtreflexe auf den Rumpf. Zwischen den Scheiben der Schiffsfenster sind Biotope aus Erde und Pflanzen untergebracht. Alles ist in Bewegung, alles macht Geräusche. Hier muss doch irgendjemand sein? Aber nein, hinter der Heimbasteloptik steckt ein perfekt arrangiertes Dolby-Surround-System, computergesteuert.

Das Duo Cardiff und Miller arbeitet oft mit Klanginstallationen. Im Hamburger Bahnhof haben sie vor zwei Jahren 98 Lautsprecher aufgestellt, der Stereosound hüllte den Zuhörer ein. Dieses Mal entführen sie den Gast in eine auch optisch verzauberte Welt. Es ist eine Version des „Narrenschiffs“, der volkstümlichen Satireschrift aus dem 15. Jahrhundert. Cardiff und Miller sparen sich jedoch den moralischen Zeigefinger. Das Närrische hier ist nicht mehr das Liederliche, das Verrannte. Das Närrische ist das Versponnene, Verrückte. Das hat etwas Befreiendes. Anna Pataczek

OPER

Verharmlost: Der Freischütz

im Heimathafen Neukölln

Eine Wolfsschluchtszene bei Techno- Beats? Oder Probeschießen auf die ZDF- Sportstudio-Torwand? Man erwartet die abgefahrensten Dinge bei einem Freischütz-Abend der Berliner Off-Musiktheater-Szene. Was aber, wenn die Aufführung so harmlos daherkommt? Lineare Wald- und Wiesenromantik, Jungfernkranz und Jagdgewehr – damit schockt das Team um Regisseur Maximilian von Mayenburg bei der Freischütz-Premiere im Heimathafen Neukölln (wieder am heutigen Dienstag sowie am 26. und 28. Juni). Und: Es schockt gut. Zunächst, weil die künstlerische Qualität der jungen Beteiligten beachtlich ist. Mit gestalterischer Hingabe arbeitet sich das Sinfonie Orchester Schöneberg unter der Leitung von Elias Grandy durch die Abgründe in Webers Partitur.

Vor allem aber glückt die konsequente Deutung: Im Freischütz sind die spezifischen Kontexte, die Natur-Mystik und die gesellschaftlichen Korsette von Bedeutung. So hat der einzig folgenreiche Regieeingriff, Ännchen und Samiel in Personalunion darzustellen (diabolisch: Katharina Schrade), auch das einzig detailliert gezeichnete Psychogramm zur Folge. Max (Fritz Feilhaber, drückender Tenor) und Agathe (Herzschmerz-Sopran: Ohoude Khadr) sind dagegen Stereotypen, produziert von einer konformen Gesellschaft. Daniel Wixforth

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