KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Herzlich: Benefizkonzert für Japan

mit Martha Argerich

Während die Katastrophe von Japan aus den Medien wieder weitgehend verschwunden ist, reißt die Kette der Berliner Benefizkonzerte zugunsten der Opfer nicht ab. So wird beispielsweise am Sonnabend der Rundfunkchor bei einem Auftritt in der Gethsemanekirche Spenden sammeln. Den außergewöhnlichen Abend am Dienstag dagegen hatten Musiker aus den Reihen der Berliner Philharmoniker auf die Beine gestellt, die ja traditionell besonders eng mit der klassikbegeisterten Nation in Fernost verbunden sind. Daishin Kashimoto und Guy Braunstein, zwei Konzertmeistern des Orchesters, war es gelungen, neben dem Pianisten Itamar Golan, der Cellistin Jing Zhao und Amihai Grosz, dem philharmonischen Solo-Bratschisten, auch die große Martha Argerich samt ihrem Cellisten- Freund Mischa Maisky als Mitstreiter zu gewinnen – und so den Kammermusiksaal bis auf den letzten Platz zu füllen.

Ein wenig kitschig gerät der Start, wenn Golan in schwer verständlichem Englisch ein japanisches Gedicht rezitiert und dem sentimentalen Text ein ebensolches Salonstückchen folgen lässt. Dann aber wird richtig gute Hausmusik gemacht, unter Freunden, auf Weltniveau: In lebenskluger Naivität entfaltet sich Mozarts D-Dur Sonate für vier Hände, wenn diese Hände Martha Argerich und Itamar Golan gehören. Innig und rücksichtsvoll ist die Kommunikation der fünf Partner in Schumanns Es-Dur-Klavierquintett. Zum Herzstück des Abends aber wird unerwartet – und wohl auch ungeplant – ein Triptychon aus Werken von Schubert, Schostakowitsch und Dvorak.

Als striche der Wind über die Saiten einer Äolsharfe, so klingt bei Kashimoto, Maisky und Golan der Beginn von Schuberts „Notturno“-Satz: Romantik, durch die ein Riss geht. Ebenfalls ganz gläsern fassen Braunstein, Zhao und Golan das 2. Klaviertrio von Schostakowitsch an, bevor sie den Zuhörer in einen Emotionsstrudel reißen, der alle Seelennöte der vergangenen, dramatischen Wochen in sich trägt. Trostsuchende werden danach von den beiden Geigern und dem Bratscher mit Dvoraks C-Dur-Terzett umfangen: warmherzig, zartfühlend, harmonisch. Dankbarer Jubel. Frederik Hanssen



KUNST

Volle Leere: Christa Dichgans

in der St.-Matthäus-Kirche

„Gott sei Dank“ – der Ausstellungstitel klingt wie ein Ausruf der Erleichterung. Die 1940 in Berlin geborene Künstlerin Christa Dichgans meint damit ein kurzes Gebet, „ein Ausdruck der Freude an unserer Existenz“. Ihre zwischen 1991 und 2011 entstandenen Gemälde in der St.-Matthäus-Kirche am Kulturforum scheinen vor Energie zu sprühen (bis 28. August, Künstlergespräch am 16. 6., 19 Uhr). Vor allem das über dem Altar hängende Bild „Mistral (5)“, dessen strahlender gelber Kern alle Blicke in sich hineinzieht. Ob die unzähligen Zahnbürsten, Brote und offenen Schuhe in dieses Zentrum hineinfliegen oder sich explosionsartig davon entfernen, bleibt offen. Auf anderen Bildern tauchen die Gegenstände wieder auf: verformte Brillen, gefaltete Geldscheine, weich gewordene Leitern. Man kann diese Dinge des täglichen Lebens als Metaphern auf die menschliche Existenz lesen. Gleichzeitig werden sie in ihrer Wiederholung zu Ornamenten, zum malerischen Vokabular, das die Künstlerin in immer neue Konstellationen rückt und dabei auch Verbindungen zu ihrem Leben zieht. Auf einem Bild reichen Abbildungen von Künstlern bis zum Horizont. Unten rechts ein Porträt von Dichgans’ langjährigem Ehemann Rudolf Springer, der 2009 hundertjährig verstarb.

Zahlreiche Reisen nach Asien und Afrika haben das Farb- und auch das Glaubensspektrum von Christa Dichgans erweitert und auf ihren Bildern vor allem einen Raum für Leere geschaffen. Ein Keil des Nichts, das doch alles sein kann, schlägt sich durch die Fluten, in dem der Blick des Betrachters eine kleine Ewigkeit versinken kann. Katrin Wittneven

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