KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Volker Lüke

POP

Weiße Magie: Alva Noto und Ryuichi Sakamoto im Admiralspalast

Stell dir vor, du stehst an einer Straßenbahnhaltestelle. Irgendwo spielt jemand Klavier. Die Schiene summt. Ein Auto rauscht vorbei. Ein Presslufthammer pumpt aus der Ferne den Beat. Plötzlich steht die Zeit still, alles wird unendlich langsam und die Welt der ratternden Großstadt löst sich allmählich auf. Was das ist? Alva Noto alias Carsten Nicolai, Künstler und Elektroklangbastler aus Berlin, und der Komponist und Pianist Ryuichi Sakamoto, der mit dem Yellow Magic Orchestra Popgeschichte schrieb, bevor er einen Oskar für die Musik zu Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ bekam. Mit Nicolai arbeitet er seit 2002 zusammen. Fünf Alben haben sie eingespielt, von denen „Summvs“ das vorerst letzte sein soll.

Bei der Live-Präsentation im Admiralspalast spielt Sakamoto auf seinem Flügel Akkorde wie hingehauchte Tupfer, fragile Klänge, die an Debussy, Satie oder Feldman erinnern, jeder Ton zum Ausdruck grandioser Ruhe erhoben. Manchmal beugt er sich auch vor und schrammelt über die Saiten, während Nicolai, der hinter einem Pult mit Laptop und Effektgeräten steht, die Klänge mit pulsierenden Beats und wie zufällig aufblitzenden Sinustönen durch verhallte Räume schickt. Dabei entsteht eine in sich gekehrte Musik, die nicht einlullen, sondern die Sinne schärfen will, auch wenn Sakamoto schon sehr nahe am Kitsch vorbeiklimpert. Höhepunkt ist eine bezaubernde Version von „By This River“, ein Popsong, den Brian Eno einst mit den Krautrockern Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius geschrieben hat. Stimmungsvoll unterlegt wird das entschleunigte Spektakel mit abstrakten Lichtfiguren, die den Sound 1:1 als minimale Flimmergrafik auf einer LED-Wandumsetzen, bis nach 70 Minuten und vier Zugaben (inklusive „Der letzte Kaiser“) die letzten Töne aufwärtswirbeln und davontreiben wie Fetzen verlöschenden Lichts. So schön kann Ambient sein. Volker Lüke

KLASSIK

Weiße Lilien: Arcadi Volodos

im Konzerthaus

Arcadi Volodos ist ein gewaltiger Mann, gebunden durch ein ebenso prestigeträchtiges wie erbarmungsloses Missverständnis. Hochvirtuose Transkriptionen von Horowitz begründeten seinen pianistischen Ruhm. Fortan musste er den Vergleich mit dem melancholischen Schelm Vladimir und immer größerem Hörerhunger nach Exaltiertem begegnen. Wenn Volodos auf das schummrige Podium des bei weitem nicht ausverkauften Konzerthauses tritt, glaubt man etwas von dieser Last zu spüren. Er zieht den Stuhl dem Klavierhocker vor – und spielt Schubert. Ohne abzusetzen, spannt er für eine dreiviertel Stunde drei späte Moments musicaux mit der frühen Sonate in f-Moll zusammen, formt ein Universum aus widerstrebenden Elementen. Das gelingt ihm dank skrupulöser Kontrolle seiner Klangmacht und zwingt die Musik zugleich unter den tiefen Horizont des Retrospektiven. Die stets gefährdete Gegenwart scheint aus ihr gewichen. Mit Liszts h-Moll-Sonate dringt Volodos noch weiter vor ins Reich der Schatten, lässt sie aus dem Nichts entstehen und sich darin wieder gänzlich auflösen. Was dazwischen aufblüht, sind prachtvolle weiße Lilien, bis auch die Erinnerung an sie hinter einer undurchdringlichen Klangwand verschwindet. Volodos versucht dem Mythos vom Schöpfergenie am Klavier eine dunkle Meditation gegenüber zu stellen. Ein Abend wie ein schwarzer Monolith, faszinierend, aber fern. Er endet mit artistischen Zugaben, natürlich bestechend gespielt. Nie klangen sie weniger heiter. Ulrich Amling

COUNTRY

Weißes Leuchten:

Jessica Lea Mayfield im Comet

In der schwarzen Höhle des Kreuzberger Comet Clubs müssen sich die Musiker immer erstmal durch den ganzen Zuschauerraum wühlen, um auf die Bühne zu gelangen. Diesmal ist das nicht so schwer, denn der kleine Saal ist nur schütter besetzt. Die 21-jährige Jessica Lea Mayfield ist zum ersten Mal in Deutschland und muss sich ihr Publikum erst noch erobern. Mit knallblond leuchtenden Haaren, weinrotem Kleidchen und Akustikgitarre steht sie zwischen ihren schluffigen Mitmusikern. War Mayfield auf ihrem ersten Album „With Blasphemy So Heartfelt“ vor zwei Jahren noch als „Rrrandale Mädel“ zu sehen, mit Nasenring und schwarzer Schnippelfrisur, setzt sie nun auf ein lieblicheres Erscheinungsbild. Ihre Musik hat sich aber kaum verändert. Der Sound im Konzert ist knackig, ausgewogen, perfekt. In dräuendem Zeitlupentempo und mit lang gezogenen Silben zelebriert die Musikerin aus Ohio ihre schläfrig düsteren Songs über Trennungen, Liebe, Sex und Kummer. Ihre Band steht bei ihr wie eine schützende Wand aus massivem Klang. Perfekt eingespielt. Allerdings sind Jessica Lea Mayfields düstere Songs insgesamt doch mehr „alternativ“ als Country. Hatte einen gerade noch „The One That I Love Best“ sediert mit melancholischer Monotonie, setzt „Blue Skies Again“ mit unerwartet angezogenem Tempo eine optimistisch vorwärts marschierende Schlussnote. Beim nächsten Mal werden mehr Leute kommen. H.P. Daniels

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