KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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SONGWRITER

Melancholie de luxe: Scott Matthew im Heimathafen Neukölln

„Diesen Song habe ich geschrieben“, scherzt Scott Matthew, nachdem er im Heimathafen eine herzzerreißende Interpretation von Radioheads „No Surprises“ dargeboten hat. Charmante Irreführung und verständlicher Wunsch. Das Stück hätte wohl jeder Songwriter mit einem Bekanntheitsgrad unterhalb von Jack Johnson gern geschrieben, weil er dann alle finanziellen Sorgen los wäre. Das Irre ist ja, dass der in Brooklyn lebende Australier Matthew eine Handvoll Lieder im Repertoire hat, die es mit diesem modernen Klassiker aufnehmen können, die aber außer einer überschaubaren Fangemeinde keiner kennt. Würden Coldplay Stücke wie „White Horse“ oder „Abandoned“ veröffentlichen, wären es Hits für die Massen, so bleiben es Geheimtipps.

Vielleicht hilft es ja, dass sein Auftritt live im Radio ausgestrahlt wird. Dieser Umstand steigert allerdings das Lampenfieber und führt zu noch seltsameren Beinverknotungen und Ansagen. Seiner Stimme merkt man die Nervosität nicht an. Die schwebt majestätisch über elegantem Kammer-Folk, der sich aus Scotts Geplinker auf der Ukulele und den pointierten Arrangements seiner Begleiter zusammensetzt: Sam Taylor an Konzertgitarre und Cello sowie Eugene Lemcio am E-Bass und Flügel. Zwei Songs verleiht der schwullesbische Berliner Chor canta:re eine sesamstraßenhafte Leichtigkeit. Matthew freut sich über die „Stage full of queers“ und nimmt Anlauf für eine bewegende Zugabe, in der er nicht nur Burt Bacharach huldigt, sondern auch Neil Youngs „Harvest Moon“ in subversiver Schönheit erstrahlen lässt. Er ist Meister einer Melancholie, die einem nicht die Kehle zuschnürt, sondern beschwingt in die Nacht schubst.Jörg Wunder

GESPRÄCH

Glückliche Wiederkehr: Peter Spiro in der Akademie der Künste

Als er 1935 Berlin Richtung Paris verlässt, weint der 15-jährige Peter Spiro im Taxi und wiederholt wie ein Mantra: „Wir kommen bestimmt wieder. Wir kommen bestimmt wieder.“ Sie sind nicht wiedergekommen. Die Familie des in der Weimarer Republik hoch geachteten und von den Nazis mit Malverbot belegten Sezessionsmalers Eugen Spiro flieht über Paris, Marseille und Lissabon in die USA, wo Eugen Spiro 1972 stirbt. Seine Nachkommen, selbst künstlerisch tätig, leben in London.

Und doch ist es eine Wiederkehr an diesem Gesprächsabend mit Peter Spiro in der Akademie der Künste. Spiro, der dem Vater zuletzt mit dem anrührenden Erinnerungsband „Nur uns gibt es nicht wieder“ ein Denkmal gesetzt hat, hat einen Teil von dessen künstlerischem Nachlass nach Berlin gegeben. Schon zuvor waren hier Hauptwerke versammelt: Das Porträt der Schwester als Tänzerin, das „Selbstporträt mit Sohn“ im Jüdischen Museum, ein Porträt des Pianisten Artur Schnabel, mit dem Spiro eng befreundet war, gehört der Akademie der Künste.

Gefunden hat man Spiros Nachkommen 2007 über das Londoner Telefonbuch, erzählt Michael Krejsa, der den Nachlass in der Akademie betreut. Beim ersten Anruf gleich war Peter Spiro am Apparat, der sagte: „Kommen Sie sofort nach London. Warten Sie nicht noch einmal fünf Jahre“. Nun steht der 93-Jährige hellwach und aufrecht in der Akademie am Pariser Platz und erzählt in lupenreinem Deutsch von seinem Vater und den Jahren in Berlin. Zuvor war in der Reichsstraße 106, wo die Spiros wohnten, eine Gedenktafel enthüllt worden. Es ist eine glückliche Heimkehr. Christina Tilmann

KUNST

Gute Manieren: Gülsün Karamustafa in der ifa-Galerie

Was durchs Schaufenster noch aussieht wie ein Hochzeitstisch, entpuppt sich drinnen als gedeckte Tafel, an der niemand glücklich würde – trotz aller Kerzen und allem Blattgold. Auf dem schräg in die ifa-Galerie gerückten Tisch thront das Geschirr so hoch, dass die Gäste ihr Gegenüber gar nicht sehen könnten. Gläser wie Teller zieren Aufdrucke rund 100 Jahre alter Fotos, die zeigen, was damals als richtig und was als falsch galt: den Blick beim Schluck aus der Tasse scheu zu senken (korrekt), mit abgewinkelten Armen die Speisen zu zersäbeln (tabu).

Gülsün Karamustafa hat die beklemmende Tafel arrangiert. Bereits 1994 hatte die Istanbuler Künstlerin in der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen ausgestellt. Da hatte die internationale Karriere der 1946 geborenen Künstlerin gerade erst begonnen. Karamustafa war unter der türkischen Militärregierung der Pass vorenthalten worden, sie konnte nicht reisen. Heute stellt sie in den großen Museen der Welt aus: Installationen, Fotoarrangements und Plastiken zu Identität, Heimat, Herkunft, dem Status von Frauen. All das ist auch in der aktuellen Ausstellung „Etiquette“ Thema, dem Auftakt der Reihe „Solo für …“, mit der die Berliner ifa-Galerie (bis 26.6., Linienstr. 139/140 Di–Sa 14–19 Uhr) ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Ausgangspunkt ist ein Pariser Benimmbuch von 1910, das der Mediziner Abdullah Cevdet 1927 auf Arabisch herausgab. Bereits im Jahr darauf wurde die Fibel unbrauchbar – Atatürk hatte das lateinische Alphabet eingeführt. Karamustafa ergänzt ihren Kommentar auf diese bitterkomische Episode türkischer Westorientierung mit antiquarischen Exemplaren der Bücher und Ausschnitten eines deutschen Films von 1968, der jungen Erwachsenen Benimm beibringen sollte. Claudia Wahjudi

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