KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Wertvoll: Michael Sanderling

dirigiert das Konzerthausorchester

Man könnte den Erfolg dieses Konzerts mit dem Namen (v)erklären. Wenn Michael Sanderling ans Pult des Konzerthausorchesters tritt, schwingt große Vergangenheit mit. Schließlich prägte sein Vater Kurt Sanderling dieses Orchester vor Jahrzehnten und ist immer noch dessen Ehrendirigent – und löst an diesem Abend schwelgende Erinnerungsreisen der Älteren und Treuesten auf den Rängen aus. Aber ist es nicht vor allem Michael Sanderlings Gabe, die Dinge nicht schwerer zu nehmen, als sie sind, die das Orchester in puncto Spielfreude so über sich hinauswachsen lässt? Natürlich kann man Benjamin Brittens „Soirée musicale“ nach Rossini auch sachlicher anpacken, weniger traditionsverliebt. Andererseits, und das zeigt sich dann auch bei Richard Strauss’ zweitem Hornkonzert, verliert diese Musik fast nichts, wenn man sie einfach fließen und schwingen lässt. Und der Hornist Christoph Es fügt sich dieser Deutung mit seinem kantablen, legatolastigen Ton uneingeschränkt. Solch affirmatives Verständnis wird später umso wertvoller, als Sanderling bei Tschaikowskys vierter Sinfonie der Versuchung wiedersteht, in Rührseligkeit zu versinken. Zwar macht er im Andante große Kontraste auf, grenzt das schmetternde Schicksalsthema hart ab vom Seitensatz, der von der herausragenden Holzbläsergruppe mit Samthandschuhen angefasst wird. Die Mitfühlbarkeit des Geschehens erklärt sich dabei aber immer aus der Musik selbst. Mit Effekthascherei erkauft Sanderling nichts. Daniel Wixforth

TANZ

Wogend: Ayrin Ersöz

im Ballhaus Naunynstraße

Eine Choreografin, die sich in Scheherazade verwandelt: Das ist Ayrin Ersöz in „to dance or ...“ im Ballhaus Naunynstraße. Bevor sie auf der Bühne, in deren Hintergrund Karten vom Konstantinopel des Jahres 1631 zu sehen sind, in die Rolle der Erzählerin schlüpft, gibt sie der Tänzerin Canan Yüksel Anweisungen aus dem Off, entwirft kühl und analytisch eine Landkarte des Körpers. Gebannt lauscht man einer wilden Geschichte aus osmanischer Zeit. Der Roma-Junge Ibo, der von dem Tanzmeister Baba Nazli gekauft wird, avanciert zum berühmten „Köçek“ (Bauchtänzer). Doch Ibo hat ein Geheimnis – er ist in Wahrheit ein Mädchen und wird am Ende auf grausame Weise getötet. Denn Frauen durften damals keine „Köçek“ sein. Ayrin Ersöz, die Motive des Romans „Köçek Ibo“ von Resad Ekrem Koçu aufgreift, spürt den Geschlechterrollen im Tanz nach – und das Publikum traut seinen Ohren nicht. Erzählerische Lust und tänzerische Abstraktion reiben sich aneinander, so dass sich Yüksels repetitives Tanzmuster mit Bedeutung auflädt. Am Ende überblendet Ersöz Gegenwart und Geschichte: Ein Video zeigt, wie in Istanbul die Häuser von Roma mit dem Bagger platt gemacht werden. Sandra Luzina

KUNST

Wundersam: Jalal Toufic

in der daad-Galerie

Die Männer sind mit Spachteln bewaffnet. Sie kratzen über Augen, Mund und Nasen, reißen Fetzen herunter. Es waren Wahlen im Libanon, und die Plakate mit den Politikerköpfen müssen ab. Der Künstler Jalal Toufic hat diese Szenen 2003 dokumentiert. Der Film ist eine von drei Videoarbeiten in der Ausstellung „Irruptions of the Real“ der daad-Galerie (Zimmerstr. 90/91, bis 18. Juni, Mo–Sa 11–18 Uhr). Immer wieder neue Köpfe schälen sich unter den Schichten hervor. Wird ein Gesicht zerstört, so taucht schon das nächste auf. Es ist ein sich langsam entfaltendes Sinnbild für politisches Leben, für Machtkämpfe. Und es hätte als bannender Eindruck wohl gereicht. Doch da sind noch zwei längere Filme des Stipendiaten-Künstlers. Die minutenlange Schlachtung einer Kuh in „This Blood Spilled in My Veins“ über Tod und Auferstehung. Und, durchaus witzig, die Montage von Hitchcocks Thriller „Psycho“ mit elegischen Szenen des russischen Filmemachers Alexander Sokurow.

Toufic, der im nächsten Jahr an der Documenta 13 in Kassel teilnehmen wird, wurde 1962 in Beirut, Libanon, geboren – oder aber auch in Bagdad, Irak. So liest man über ihn. Er nennt sich zudem selbst ein „Kind des Todes“. Nun, rätselhafte Künstler-Inszenierungen muss man nicht unbedingt auflösen. Aber hier bleibt der Besucher mit einem vielfältigen Werk voller Querverweise aus Philosophie, Religion und Filmgeschichte doch reichlich allein. Anna Pataczek

0 Kommentare

Neuester Kommentar