KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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Redenschwinger. Bariton Nicholas Isherwood im Bierzelt. Foto: Barbara Braun
Redenschwinger. Bariton Nicholas Isherwood im Bierzelt. Foto: Barbara BraunFoto: Barbara Braun/ MuTphoto

KLASSIK

Essenz statt Effekt: Boulez und Barenboim in der Philharmonie

Liszt – gleich beide Klavierkonzerte! – und Wagner in einem Programm: Das verspricht Bravour, könnte verführen, an Überdimensionales zu denken. Nicht so bei Pierre Boulez und Daniel Barenboim: Entgegen allen Klischees entfalten sie die Eigenart der Werke und verleihen dem Abend so eine außergewöhnliche Spannung. Sowohl im A-Dur- als auch im Es-Dur-Konzert kehrt Barenboim überzeugend das Lyrische nach außen. Er verschreibt sich ganz der gesanglichen Linie und stellt im chopinschen Sinne alles Virtuose in den Dienst dieser Linie. Eine schöne, schlichte Innigkeit bestimmt auch die Zwiegespräche mit den Orchestersolisten. Diese Zartheit wiederum kontrastiert Barenboim mit mancher Härte in den mächtigen Oktavpassagen; nie aber schlägt das bei ihm – wie oft bei Lisztianern – ins hohle Pathos um. Und Boulez spiegelt diesen rhapsodischen Gestus am Pult der Staatskapelle mit einem perfekt ausbalancierten Wechselspiel zwischen monumentalen und poetischen Momenten.

Bei Wagner hingegen („Faust-Ouvertüre“ und „Siegfried-Idyll“) denkt Boulez radikal kammermusikalisch: Im Idyll lässt er den Eindruck entstehen, es erklinge ein Streichquartett, in dem die Holz- und Blechbläser lediglich mitschwingen. Dynamisch verhalten, einem steten Metrum folgend, legt er so den Blick auf die polyfonen Strukturen frei – und tut dies mit einer Konsequenz, dass man die Reminiszenzen an den „Ring“, an den „Tristan“ und die „Meistersinger“ mit einer geradezu unverwandten Distanz wahrnimmt. Boulez stülpt den Werken keine Effekte über, sondern reduziert sie auf ihre Essenz. Wagner in ungewöhnlicher Klarheit, jenseits jeder privaten Emotion. Sein Jubiläumsjahr 2013 kann kommen. Barbara Eckle

ROCK

Gänsehaut-Terror:

Rob Zombie im Astra

Kann ein Rocker friedlich, milde und humanistisch sein? Tatsächlich findet man gerade unter Musikern, die sich mit den Insignien des Bösen schmücken, oft die rührendsten Menschen (Umweltaktivisten, Tierschützer, Frauenrechtler), und vielleicht gilt dies auch für Rob Zombie, den Schockrocker und Filmemacher aus New York, der seine Vorliebe für bluttriefende Gemetzel als Regisseur von Horrorfilmen auslebt und eine Musik macht, die bekannte Metal-Elemente mit der atmosphärischen Schlotterdichte einschlägiger Filmsoundtracks verstrickt.

Die Live-Präsentation seines neuen Albums „Hellbilly Deluxe 2“ hat jede Menge Fans ins rappelvolle Astra gelockt. Zum Teil tragen sie sehr schöne T-Shirts, auf denen schleimige Totenschädel oder gedärmfressende Kreaturen abgebildet sind – ein guter Vorgeschmack auf die Geisterbahnkulisse, vor der Zombie und seine Mitstreiter durch die zerklüftete Unterwelt des Monsterrocks donnern. Vom Opener „Jesus Frankenstein“ über den White-Zombie-Klassiker „Thunder Kiss ’65“ bis zur Zugabe „Dragula“ wird 80 Minuten lang richtiger Gänsehaut-Terror praktiziert, der die Soundekstase mit maximalem Ballerfaktor in den Keller treibt, wo schon die mutierte Großmutter wartet. Ob Rob Zombie im wirklichen Leben ein netter Typ ist, weiß man hinterher natürlich nicht – immerhin trägt er bei „Werewolf Women of the SS“ ein „I Love Berlin“-T-Shirt. Fest steht aber: Es ist wild, es ist laut, es ist Rock, und das dies alles nie real sein kann, ist freilich der Clou an der Sache. Volker Lüke

KLASSIK

Nazi-Gaudi: „Der Tribun“ in der Staatsoper im Schillertheater

Wenn die Staatsoper in ihrer Schillertheater-Werkstatt einen Biergarten aufbaut, ist er selbstverständlich angenehm temperiert, bietet zu subventionierten Preisen Getränke feil und ein gesundheitsbewusstes Sortiment an Schorlen. Die Bedienung strahlt so sehr über ihre Dirndl, dass es eine echte Gaudi ist. Auch die Volksmusikhits, die unter den Neonröhren erschallen, sind mit Liebe zum marternden Detail ausgesucht. Irgendwann ziehen echte Musikanten auf, die zünftig aufs Blech hauen und einem Pianisten so richtig Saures geben. Das Radio funkt mit dem Spielstand in Baku dazwischen, und ein Herr in roten Pumps verspeist verdrießlich Fastfood. Dass es sich bei den Klängen um ein frühes Werk von John Cage handelt, ist auch schon Wurscht. Es sollte eh nur der Anheizer sein für Mauricio Kagels „Der Tribun“ (wieder am 10., 11. und 15. Juni, 20 Uhr), eigentlich ein Hörspiel mit Musi, die darin „10 Märsche, um den Sieg zu verfehlen“ anstimmten darf.

Kagel hat sich für uns gequält, ohne dabei seinen Humor zu verlieren. Auf 500 Karteikarten sammelte er Floskeln politischen Redens, auch aus den dunkelsten Ecken, wo Hitler und Mussolini ums Volk balzen und bollern. Kagels Tribun-Textdestillat ist von abgründigem Witz, lustvoll abgemischt mit anarchistisch verbogener Marschmusik (wunderbar einstudiert von Günther Albers). In der Biergarten-Werkstatt verkörpert Nicholas Isherwood den politischen Redner, nachdem er seinen Hamburger runtergewürgt hat. Über die Weißbiergläser hinweg postuliert er „eine Na-zi-on von Könnern“, ein erwecktes „Volk von Adlern“. Passenderweise liest Isherwood vom Teleprompter, doch warum er mit Schweinsnasen, Barbies und Ketchup hantieren muss, ist unklar. Auch die Macht der Diktion steht ihm nur begrenzt zur Verfügung. Er bleibt Sänger, letztlich nur ein Künstler, der sich schindet, in einem Biergarten aus Pappmaché. Kagels Humor könnte mehr erhellen. Ulrich Amling

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