KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

CHANSON

Hingetuscht: Angela Winkler

im Renaissance-Theater

Wie fühlt es sich an, wenn Angela Winkler singt? Wie der Staub, den ein Schmetterling auf der Haut hinterlässt, wenn er davonfliegt. Wie ein Rosenblatt im Wind. Wie ein Gesicht im Sand, bevor die Flut kommt. Vergänglich, zärtlich, flüchtig hingetuscht. Die Texte und Lieder, die die Schauspielerin jetzt, mit 67, erstmals auf CD aufgenommen hat und im Renaissance-Theater präsentiert, besingen nicht nur die Liebe, sondern auch das Vorübergehen, Zu-Ende-Gehen, den Tod – sei’s der einer Zigarette oder der eines Menschen. Sie stammen von Brecht, Schönberg, Sven Regener und immer wieder von der in Deutschland völlig unbekannten französischen Chansonnière Barbara, die Angela Winkler mehr schätzt als die Piaf und die auch das Titellied geschrieben hat: „Ich liebe dich, kann ich nicht sagen“. Natürlich kann sie es am Ende doch, und so, wie die Winkler dieses „Ich liebe dich“ hinhaucht, so fragil und zerbrechlich und doch so selbstbewusst, mädchenhaft und übermütig, so ist auch der ganze Abend: charmant und herb zugleich.

In dieser Stimme haben alle Gegensätze Platz, es ist ein Singen, das sich selbst beobachtet, das vom Theater kommt, in dem das Sprechen mitschwingt, zärtlich und doch pointiert. In der Höhe ist der Klang ausgedünnt, zerdehnt bis zur Durchsichtigkeit, intim. Das Renaissance-Theater, obwohl fast ausverkauft, wird zum Wohnzimmer, in dem gute Freunde zu Gast sind. Adam Benzwi (Klavier), Melanie Barth (Akkordeon) und Heinz Nonnenmacher (Kontrabass) sorgen fast beiläufig für (vor allem französisches) Kolorit. „Das letzte Lied hat meine Mutter gerne gesungen“, sagt Winkler. Um den Vater zu ärgern. Es heißt: „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre. Udo Badelt

FOLK

Leidenschaftlich: Emmylou Harris

im Admiralspalast


Wäre sie ihm nicht in den Siebzigern begegnet, sagt Emmylou Harris, stünde sie heute nicht auf der Bühne. Seit dem Beginn ihrer Solokarriere 1975 erwähnt sie ihren ehemaligen Mentor und musikalischen Partner in jedem ihrer Konzerte. Die Rede ist vom 1973 viel zu jung verstorbenen Gram Parsons, der die Folksängerin Harris auf den Weg der „Cosmic American Music“ brachte, seiner Mischung aus urbanisierter Countrymusik und Rock ’n’ Roll. Auch im Admiralspalast – es ist das letzte Konzert ihrer Europatournee – huldigt Harris ihm mit „The Road“ vom neuen Album „Hard Bargain“.

Nach melancholischer Langsamkeit und entspannter Mittelgeschwindigkeit zieht das Tempo an zu Bluegrass-Raserei: „Luxury Liner“, auch eine Parsons-Komposition, bringt die 64-jährige weißblonde Harris im Gypsy-Kleid mit ihrer Gibson J-200-Gitarre zum Rocken. Während ihre exquisite Band einen wahren Sturm entfacht. Überhaupt wirken die Red Dirt Boys um einiges leidenschaftlicher als Emmylous letzte Band. Will Kimbrough spielt Country-Licks und zurückhaltende Soli auf der Telecaster. Der lange Phil Madeira pendelt zwischen Honky-Tonk- Piano und Tex-Mex-Akkordeon, Rickie Simpkins fiddelt und mandoliniert, Chris Donahue wechselt von Bassgitarre zum Kontrabass und Bryan Owings bedient das Schlagzeug mit Zurückhaltung. Über allem schwebt die bewegende Stimme von Harris, mit der sie Songs von Bob Dylan, Townes Van Zandt, Steve Earle und natürlich ihre eigenen zur großen Herzensangelegenheit macht. Berauschend.H. P. Daniels

KLASSIK

Frisch gebügelt: Leif Ove Andsnes

im Kammermusiksaal

„Recensent hat eins der wichtigsten Werke des Meisters, dem als Instrumental-Componisten jetzt wol keiner den ersten Rang bestreiten wird, vor sich“ – ach nein, das wollten wir doch gar nicht sagen, gar nicht mit E. T. A. Hoffmann über Beethoven sprechen. Stattdessen schreiben: Rezensentin muss einräumen, dass sie sich aus einem Konzertabend herausgehustet hat.

An der Darbietung im Kammermusiksaal der Philharmonie liegt es nicht, im Gegenteil. Denn so proper, mit so hygienisch anmutender Sorgfalt wird hier Mozarts Quintett KV 452 interpretiert, so ruhig funkeln die Eingangsakkorde, die Leif Ove Andsnes als Pianist in Residence anschlägt, so bereitwillig übernimmt er gegenüber den jungen Orchester-Akademisten Yuryi Khvostov (Oboe), Dario Mariño Varela (Klarinette), Maciej Baranowski (Horn) und Moritz Pietsch (Fagott) die Rolle des Altvorderen, Gewährenden, Schon-immer-Wissenden, so bedächtig beschützen die Fünf das Rondo vorm Überschießen, dass es wohl nur einer höheren, längeren Dosis dieser Musik bedürfte und mit dem Husten wäre sofort Schluss.

So aber bleibt man einfach nur erkältet und darf nur kurz darüber staunen, wie frisch gebügelt es hier tönt; Baranowski lässt ein überraschend herbes Horn hören, Varela beugt sich mit herrlicher Körperlichkeit und fast unklarinettenhaft hohem Ton in das Stück. Nurmehr von draußen und über Mittelsleute ist dann zu berichten, dass Mozarts Klavierkonzert KV 449 und Dvoráks zweites Klavierquintett, angeleitet abermals von Andsnes, mit diesen und weiteren Mitgliedern der Orchester-Akademie, den ausverkauften Saal verzücken. Christiane Tewinkel

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