KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Metrokulturell: Fazil Says

Abschiedsfest im Konzerthaus

Arif Sag spielt sich in Trance und hört nicht mehr auf. Mit geschlossenen Augen verliert sich der Saz-Spieler in seinen Arabesken und merkt nicht, wie immer mehr Zuhörer sich leise davonschleichen. Die Laute schlingt ihre Tongirlanden auch noch um seinen Gesang, als das Saallicht wieder angeht und die BlumenstraußÜberreicherin die Bühne betritt. Gelächter, Applaus – und endlich Pause mit Bier und Börek vor der letzten Etappe dieser langen Konzerthausnacht. Ein Augenblick, wie es ihn auf der ganzen Welt vielleicht nur in Berlin gibt: Die türkische Community der Hauptstadt füllt den Klassiktempel, beim Abschiedsfest des Artist in Residence Fazil Say, der seine Musikerfreunde mitgebracht hat. Nachdem das Konzerthausorchester unter Ferenc Gábor zum beschwingten, aber recht biederen Auftakt Märsche der Wiener Klassik und Says Klavierkonzert „Silk Road“ zum Besten gab, nachdem der Vollblutpianist mit dem Trommel-Virtuosen Burhan Öçal und der Extrem-Geigerin Patricia Kopatchinskaya mit verwegenen Mozart- und Beethoven-Interpretationen, furios radikalisiertem Bartok und Ravel aufwartete – nach alldem steht die Zeit bei Arif Sag einfach still: elegisch-archaische Endlosschleife, Zersetzung des bürgerlichen Konzertrituals.

Multikulti? Metrokulturell! Schade, dass die steife Bestuhlung zum energischen Big-Band-Sound des Anatolian Jazz Orchestra nicht verschwinden kann, wie im Werner-Otto-Saal, den die Jugend und die Oriental-Popband Pinhani gerade in einen Club verwandeln. Christiane Peitz

ROCK

Mannhaft:

Social Distortion im Huxleys

Social Distortion erinnern an glorreiche Zeiten, ein Leben ohne Gesetz. Ursprünglich an Punk interessiert, vollzog die vor 32 Jahren gegründete Band aus Kalifornien eine erstaunliche Wendung Richtung Country & Blues und zapft ältere Quellen amerikanischer Musik an, um sie auf das Energielevel von Hardcorepunk zu bringen. An drei Tagen (zwei Zusatzshows wegen der Nachfrage!) segelt die Band mit ihren emotionsbepackten Melodien durchs Huxleys. Die Coverversionen von Hank Williams („6 More Miles“) und Johnny Cash („Ring of Fire“) lassen das kitzelige Gefühl, das die Originale hervorriefen, ebenso auftauchen wie die ungebrochene Rebell-Identität, mit der sich der bis zum Hals tätowierte Sänger und Gitarrist Mike Ness durch die ewigen Zweifel wühlt, die ein Mannsbild im Umgang mit sich selbst und den Frauen so umtreibt.

90 Minuten dauert die Herrenrock-Show, kein Ton wird dabei verschwendet. Leidenschaft auf frisch gescheuertem Honky-Tonk-Boden, mit fliegender Bierbecher-Choreografie, herzergreifenden Harmoniegesängen und anderen liebevoll hingebretterten Erinnerungen, die selbst härtesten Gestalten ein paar Tränen abringen. Hier ist alles erlaubt, auch dass bei der Zugabe zwei Soulmiezen auftauchen und sich die Fans beim Ausdruckstanz vor der Bühnenabsperrung aus purer Begeisterung gehörige Blessuren zuziehen. Hell Yeah! Volker Lüke

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