KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Nöte und Noten: Die Berliner Philharmoniker mit Vladimir Jurowski

Es hat etwas Beruhigendes, wenn es an der Spitze nicht immer glatt läuft. Wenn man spürt, wie gefährdet ein Musizieren ist, das erst jenseits der blinden Beherrschung von Instrumenten, Noten und Stilen beginnt. Bei den Berliner Philharmonikern, die jede Woche neue Programme für Konzerte, CD-Aufnahmen, weltweite Digitalübertragungen und Tourneen einstudieren, sind glücklose Auftritte selten. Doch das 6. Konzert der Serie M unter Vladimir Jurowski begann so spannungslos, so ohne erahnbaren inneren Kern, wie es endete. Nach ihren Noten suchend, betraten die Musiker nur zögerlich den Saal, um Strawinskys schleppende Bach-Bearbeitung über „Von Himmel hoch, da kommt ich her“ unter Wackeln in der Philharmonie abzustellen. Nach einer noch weiter verzögernden Umbaupause konnte Strawinskys karges Spätwerk „Requiem Canticles“ nicht zu der nötigen Konzentration finden, um kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein letztes Mal aufzuleuchten.

Fehlende Probenzeit merkte man auch Mahlers bombastischem Jugendwerk „Das klagende Lied“ an. Wie den Klang des Riesenorchesters verorten: als glucksendes Waldweben, als kühnes Kunstmärchen? Jurowski, der sonst so elegant taktierende Chef des London Philharmonic Orchestra, nahm an diesem Abend, was immer er bekommen konnte. Mal schlitterte man krachend in die Vollen, wie in süffige Filmmusik samt akustischer Reißblende, mal schaukelten die Takte bar jeder Beziehung zueinander vor sich hin. Da verwunderte es nicht, dass keiner der Gesangssolisten (abgesehen von den beiden wackeren Tölzer Sängerknaben) auch nur annähernd zu seiner Form fand. Ein rarer Abend, fürwahr (noch einmal am heutigen Sonntag, 20 Uhr). Ulrich Amling

KUNST

Luxus und Gelächter: Junge Künstler in der Italienischen Botschaft

Das Ziffernblatt der Uhr rast rückwärts, die Zeiger scheinen auf der Stelle zu stehen. Im Konferenzsaal der italienischen Botschaft führt die durchgedrehte Uhr von Via Lewandowsky die quälende Ewigkeit banaler Besprechungen ebenso vor Augen wie den mitreißenden Sog der Vergangenheit.

Für den Ausstellungszyklus: „Italiens junge Kunst in der Botschaft“ schmuggeln die Kuratorinnen Alessandra Pace und Marina Sorbello charmant, witzig und verspielt Werke zeitgenössischer italienischer Künstler zwischen die antiken Kostbarkeiten der repräsentativen Räume (Tiergartenstr. 22, Führungen Montagnachmittag mit Anmeldung: eventi.berlino@esteri.it). Via Lewandowsky ist mit von der Partie, weil er derzeit in der römischen Villa Massimo wohnt. Subversiv nimmt die Kunst Details der Architektur auf. Im Innenhof mit seinen kriegszerstörten Säulen inszeniert Luigi De Simone Dürers Melencolia neu. „Es wird besser“ betrachtet die Welt durch die rosarote Brille. Im Festsaal hat Alex Auriema die billigen Fälschungen teurer Markenhandtaschen noch billiger selbst gefälscht. In den prunkvollen Räumen hallt die Übersteigerung des Kultes mit Luxusinsignien wie Gelächter nach.

Leise, aber bestimmt durchsetzt die Kunst das diplomatische Umfeld mit amüsanten Kommentaren. Die Gastgeber beweisen ihre Großzügigkeit, indem sie der Ironie die Tür öffnen. Simone Reber

ARCHITEKTUR

Kirche und Klang: Schulz & Schulz

in der Architektur Galerie Berlin

Ihr bislang größtes Projekt wird das Hochhaus für das „Forschungszentrum Maschinenbau und Informatik“ der TU Berlin unweit des Ernst-Reuter-Platzes. Die in den fünfziger Jahren skizzierte Gestalt des Platzes mit den rechtwinklig angeordneten Bürobauten wird künftig ergänzt durch ein Turmhaus, das seine Herkunft von den reifen Bauten Mies van der Rohes in Chicago deutlich zur Schau stellt. Ansgar und Benedikt Schulz, Jahrgang 1966 und 1968 in Witten an der Ruhr und mit ihrem Büro in Leipzig ansässig, beziehen sich auf die Moderne vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ihre derzeitige Ausstellung in der Architektur Galerie Berlin konzentriert sich jedoch auf den Neubau der katholischen St.-Trinitatis-Kirche in Leipzig. In der Trennung von Kirchenraum und Glockenturm ist er an einem Grundgedanken des westdeutschen Nachkriegskirchenbaus orientiert.

Welche Sorgfalt das Architekten-Brüderpaar auf Gestaltung, Lichtwirkung und Materialität verwendet, lässt sich in der Ausstellung erahnen, wo ein acht mal zwei Meter großer Holzkörper die künftige Kirchenfassade nachstellt (Karl-Marx-Allee 96, bis 25. Juni, Di-Fr 14-19, Sa 12-16 Uhr). Das bisherige Oeuvre von Schulz & Schulz ist allerdings vielgestaltig, und einen Eindruck erhält, wer die brandneue Monografie von Annette Menting in die Hand nimmt – ebenso sorgfältig gestaltet wie die Bauten selbst (Schulz & Schulz Architektur, Verlag Niggli, Sulgen CH, 54 €). Bernhard Schulz

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