KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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THEATER

Verunglückt: „Die Kunst war

viel populärer ...“ in der Volksbühne

Draußen war bedeutend mehr los. Ein kleiner, hässlicher Naziaufmarsch hinter dem Rosa-Luxemburg-Platz, abgeschirmt von ruhiger Polizeimacht, eingekreist und niedergelärmt von den linken Gegendemonstranten. Berliner Routine auch drinnen in der Volksbühne. René Pollesch jagt einen neuen Text durchs diskursive Dorf, mit gewohnt langen Titel: „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart.“ Fünf Personen auf der Suche nach einem Ausgang aus der kreativen Depression, und einer fehlt. Volker Spengler ist kurz vor der Premiere erkrankt. Dafür rast Marc Hosemann 80 Minuten lang auf Hochtouren seiner Bestimmung als Opernsänger und Entertainer hinterher, angetrieben, bemuttert, genervt von vier Frauen in schönen Roben und undurchsichtigen Rollen. Silvia Rieger schmettert Arien, Catrin Striebeck haut im verwaisten Orchestergraben auf die Pauke.

Pollesch-Abende sind immer backstage, das Ganze erinnert an einen inszenierten Bühnenunfall in der Dekoration eines romantischen Hamlet-Schlosses aus dem Meininger Theatermuseum. Bühnenbildner Bert Neumann lässt Vorhänge auf- und niedergehen, einmal mit Kinokulisse, ein andermal mit dem Spruch „Don’t look back“. Nein, wir schauen nicht zurück in die Zeit, als Pollesch wie eine Droge durchs Hirn rauschte und sein Sozio-Rap süchtig machte. Hier hakt die Rhythmusmaschine, das Chaos hat keinen Kern (wieder am 22. und 30.6. sowie am 7. 7.).Rüdiger Schaper

TANZ

Verkeilt: Die Performance

„is maybe“ im HAU 1

Angela Schubot und Jared Gradinger stehen sich gegenüber und schließen die Augen. Bis zum Ende ihrer knapp einstündigen Tanzperformance „is maybe“ im HAU 1 (noch einmal am heutigen Sonntag, 19.30 Uhr) werden sie sie nicht öffnen. Kein Blick fällt auf den anderen - denn Blicke schaffen Distanz. Diese beiden aber sehnen sich nach grenzenloser Nähe, nach einer bedingungslosen Symbiose. „Is maybe“ kreist um den Wunsch, vom eigenen Ich erlöst zu werden. Zu zarten Ambient-Klängen dringen die Tänzer immer tiefer in die Sphäre reiner Empfindung ein. Mit geschärften Sinnen bewegen sie sich aufeinander zu, zuerst ist alles nur Tasten, nicht Anfassen. Eine hocherotische Szene.Doch dann bohrt sich seine Hand in ihr Gesicht, sie drückt ihn mit ihrem Gewicht zu Boden. Beide japsen bei ihren eisernen Umklammerungen. Was so zärtlich begann, wird zum aggressiven Akt: Der Schritt vom Ich zum Wir mündet in einem immer wütenderen In-sich-verkeilen.

Die schwebenden Skulpturen von Mark Jenkins zeigen die Vereinigung zweier Körper in unmöglichen Variationen. Doch der unbedingte Wille nach Entgrenzung trifft auf körperliche Widerstände. Zwei, die nicht voneinander lassen können: Schubot und Gradinger erweisen sich als hingebungsvollle Performer, die physische Vehemenz mit halsbrecherischer Komik paaren. Sandra Luzina

KLASSIK

Verzaubert: Russen-Disko mit Vladimir Fedoseyev im Konzerthaus

Ein Gipfeltreffen. Anders kann man die Kombination der beiden Werke, die das Konzerthausorchester am Freitag unter dem Motto „Russen-Disko“ präsentiert, kaum nennen. Sie gehören zum Bekanntesten und Populärsten, was die russische Musik im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat: Tschaikowskys erstes Klavierkonzert und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchestrierung von Ravel. Wie sehr bilden diese beiden fast gleichaltrigen Komponisten die Zerrissenheit ihres Landes ab. Hier der westlich orientierte Einzelgänger, da das russisch-nationalistisch gesinnte Mitglied des „Mächtigen Häufleins“. Und beide beendeten ihr Leben in St. Petersburg – wo Vladimir Fedoseyev, der Dirigent des Abends, geboren wurde.

Im Klavierkonzert macht er aus dem Orchester einen mächtigen, ebenbürtigen Partner für Anna Vinnitskaya, die mit plastischem, raumgreifenden Anschlag schon bei den legendären, sieben Oktaven umfassenden Akkorden des ersten Satzes aufhorchen lässt – die aber auch die zarten Passagen wie perlende Wasserläufe gestalten kann. Bei Mussorgsky demonstriert Fedoseyev dann jahrzehntelange Vertrautheit mit dem Repertoire. Er formt mit Zauberhänden, bei denen ein Taktstock nur stören würde, die fragilsten Klänge, als wolle er selbst die Gemälde malen, von denen die Musik spricht. Und er empfindet sichtbaren Schmerz beim großen Patzer der Trompete in der einleitenden ersten „Promenade“. Egal, es muss weitergehen. Subtil hebt Fedoseyev die Dynamik an und senkt sie wieder, lässt die Holzbläser im „Alten Schloss“ ein nebelumwalltes Klangbild zeichnen und im „Bydlo“, dem Ochsenwagen, die tiefen Streicher suggestiv anschwellen, bis die schwerfälligen Tiere vorüber sind. Allerdings wird gerade hier auch deutlich, dass Fedoseyev vor allem ein Meister der leisen Töne ist. Im Forte verliert er schnell die Kontrolle, dann taumelt die Musik – wie etwa im abschließenden „Großen Tor von Kiew“ – in einem undifferenzierten Rausch dahin. Das Publikum jubelt trotzdem. Denn genau so stellt man sich Russland wohl immer noch vor. Udo Badelt

JAZZ

Verheilt: Die britische Sängerin Rumer im Postbahnhof

Eine zweite Zugabe ist nicht drin. Das Publikum im bestuhlten Postbahnhof pfeift und klatscht nach Kräften, doch Rumer und ihre achtköpfige Band verschwinden hinter der Bühne. Eine gute Stunde lang hat die Britin mit ihrer Mischung aus Pop, Soul und Jazz für strahlende Gesichter gesorgt. Im Zentrum: eine Stimme, die an die großen Sängerinnen der Siebziger erinnert. Zwei Drittel der 18 Stücke an diesem Abend stammen von Rumers Debütalbum „Seasons of My Soul“. Der Rest sind Coverversionen, darunter Hall & Oates’ „Sara Smile“, der Soul-Klassiker „You’ve Really Got a Hold on Me“ und „Stoned Soul Picnic“ von Laura Nyro. Dem kürzlich verstorbenen Gil Scott-Heron zollt sie in der Zugabe mit „Lady Day and John Coltrane“ Respekt.

Doch am bewegendsten sind Rumers eigene Stücke. Es geht um Freundschaft, Romanzen, unerwiderte Liebe. Dann ein Moment des Innehaltens, die Augen geschlossen. Rumer, die 1979 als Sarah Joyce in Islamabad zur Welt kam, legt mehr Gefühl in ihre Worte als alle derzeitigen Pop-Sternchen zusammen. Ihre Band steht ihr in nichts nach. Der Keyboarder sorgt im letzten Stück mit einem Solo für Jubel, Saxofonist und Trompeter blasen sich die Seele aus dem Leib. Von Rumer wird man wohl noch hören. Eine Zuschauerin spricht nach dem Konzert gar von Aretha Franklins kleiner Schwester. Daniel Grinsted

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