KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Im Nachtlicht: Das Boulanger-Trio

im Radialsystem

Musik und Literatur verbinden sich in der Romantik besonders eng, und so kann Poetisches so erhellende Schlaglichter auf die Darbietung des Boulanger-Trios im Radialsystem werfen, wie dies mit theorielastigen Programmhefttexten selten gelingt. „Verklärte Nacht“ ist das Motto; neben der Nacht als erzromantischem, Sehnsucht und Geheimnis bezeichnendem Topos ist „Jugend und Reife“ ein weiterer Schwerpunkt. So stellt Marc Aisenbrey schwärmerischen Briefen des jungen Brahms an die geliebte Clara Schumann später vertonte Gedichte der Entsagung von Heine oder Geibel gegenüber. Das Trio c-Moll op. 101 klingt danach umso herber. Die Pianistin Karla Haltenwanger treibt mit kompaktem Zugriff auch die Geigerin Birgit Erz und die Cellistin Ilona Kindt zu einer Intensität, die Wahrheit des Ausdrucks vor Schönklang um seiner selbst willen stellt.

Auch in „Tristia – La Vallée d’Obermann“ von Franz Liszt herrscht solch existenzieller Kontrastreichtum. Filigran Angedeutetes schwingt sich aus tiefen Abgründen zu blendend heller Ekstase auf. Liszt bearbeitete sein eigenes frühes Klavierstück aus dem Zyklus „Années de Pèlerinage“ und verstärkte die dissonant-grüblerischen, fast atonalen Elemente. „Wer bin ich? Was will ich?“ heißt es dazu im Briefroman „Oberman“ des französischen Schriftstellers Senoncour angesichts der übermächtigen Schweizer Bergwelt – das dort beschriebene Tal existiert übrigens nicht. Von Liszt bis zu Schönbergs dem Expressionismus zustrebender „Verklärten Nacht“ ist nur ein kleiner Schritt: Die drei Boulanger-Damen loten auch hier die Ausdrucksnuancen feinster Übergänge aus – wobei die Trio-Fassung Eduard Steuermanns ihnen die Verdeutlichung des polyphonen Geflechts nicht leicht macht und einiges an Schönbergs dramatischer Stringenz verloren geht. Isabel Herzfeld

POP

Makellos: Die Bright Eyes

in der Columbiahalle

Dämonisch angestrahlt in wässerigem Blau steht Conor Oberst auf der Bühne der Columbiahalle. Wie ein Außerirdischer treibt er im mächtigen Klanguniversum seiner Band Bright Eyes, mit zwei Schlagzeugern, zwei Keyboardern, Bass und sphärisch schwirrender Pedal Steel. Eine dramatische Stimme aus der Konserve erzählt etwas von Raum und Zeit, Schöpfung, Menschheit, Zukunft, Dimensionen, Hitler, Satan, dem Bösen, der Liebe, Fortschritt und Zukunft … Jetzt singt Oberst, die fragile Stimme wattiert in dickem Hall: „Bust through the fire and walk into heaven / And then I’m standing in that blinding light …“ Und dann steht er im gleißenden Licht mit weißer Telecaster und irgendwie entrückt. Die Fans im proppenvollen Saal sind entzückt, dass der 31-jährige Songwriter aus Omaha nach vier Jahren Pause seine Bright Eyes mit dem neuen Album „The People’s Key“ wieder ins Leben zurückgebracht hat. Dass sie nach einem kleinen Testauftritt im Kreuzberger Lido im Februar jetzt noch einmal auf großer Bühne zu sehen sind. Mit großen Gesten und großem Sound. Und poetischen Texten und feinen Melodien mit starkem Brit-Pop-Einschlag. Besonders beeindruckend: „Shell Games“ vom neuen Album, das an David Bowie erinnernde „Falling Out Of Love At This Volume“ von 1997, sowie aus dem Jahr 2005 „Old Soul Song“ mit melancholisch wehender Trompete und das ruhige folkig angehauchte „Lua“. Die Band spielt makellos, der Klangeindruck ist brillant. Doch dann wirkt auch alles ein bisschen sehr stark computerisiert – spitz, metallisch, unterkühlt. Aber vielleicht entspricht das den Hörgewohnheiten der jungen mp3-Generation. Ältere schätzen möglicherweise mehr den wärmeren Klang und die bescheideneren Gesten von Conors Solo-Arbeiten der letzten Jahre mit seiner bodenständigeren Mystic Valley Band. H.P. Daniels

PERFORMANCE

Chlor & Chor: Eine Unterwasseroper im Stadtbad Neukölln

Wasser als Ursprung des Lebens hat Künstler schon immer fasziniert: Händel komponierte eine Wassermusik, Goethe schrieb vom „Gesang der Geister über den Wassern“. Aber menschlicher Gesang unter Wasser? Dass man sich darunter mehr vorstellen darf als Luftblasen an der Oberfläche, demonstriert die Unterwasseroper „Aquaria Palaola“ vor allem in der Schlussarie: fast zehnminütige unter Wasser vorgetragene, avantgardistische Koloraturen, die Mezzosopranistin Claudia Herr im Abendkleid und mit Hilfe eines Tauchgeräts bewältigt, begleitet von einem tauchenden Schlagzeuger. Zwei Unterwassermikrophone sorgen dafür, dass der liquid sound den Zuhörern am Beckenrand via Verstärker zufließt – und die akustische Erfahrung durchaus um eine submarine Dimension erweitert.

Was aus dem unter Wasserdruck verdichteten Stimmklangraum der Sängerin schimmert, ist ansprechend: sphärisch, dumpf-hallend, ein Stück weit wie Gesang von Walen oder Robben. Entstanden ist das einstündige Musikstück mit der melancholisch-märchenhaften Handlung aus einer Symbiose von Kunst und Wissenschaft: In Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung hat die Komponistin Susanne Stelzenbach eine unterhaltsame Klangmontage aus Opernelementen, eingespielten Robbengesängen aus der Tiefsee und per Telefon zugeschalteten Polarforscherkommentaren gebastelt (wieder am 10. und 17. September). Martin Ernst

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